3. Haupttypen der Einwände 83 Opposition vielleicht nur gegen eine Regung und gegen ein Ver- langen an, die ihm „unzeitgemäß“ erschienen, und deren Befriedigung ihn in einen von ihm peinlich empfundenen Widerspruch zu dem Geist seines Zeitalters versetzt haben würde? Oder endlich: Sollten vielleicht die Eigenart seines Schicksals und die Größe seiner Tragik darin sich bekunden, daß er sich der Hingabe an den metaphysischen Trieb verschloß und die Nachgiebigkeit gegen ihn als einen un- entschuldbaren Rückfall in den Zustand eines grauen Atavismus fürchtete, während er die Kraft zur metaphysischen Spekulation in sich wirksam fühlte und die Berechtigung zu einer solchen Spekula- tion innerlich nicht verkannte? Ein europäisches Verhängnis offen- bart sich in dem Ausbruch von Nietzsches Geisteskrankheit. Er verfiel ihr in jenen Jahren, in denen er und seine Zeit begannen, für die Wendung zur Metaphysik reif zu werden und die Notwendigkeit dieser Wendung nicht bloß durch eine gerechtere Würdigung der Metaphysik, sondern zugleich durch das Bekenntnis zu ihr und durch eine Arbeit in ihrem Dienste zu erhärten. Ist der Philosoph des „Willens zur Macht“ nicht ein Metaphysiker? Wir müssen diese Frage bejahen. Im Gegensatz zu Nietzsche, der in der Aufstellung dieses Prinzips vor allem nur die Zusammenfassung und den Nieder- schlag seiner biologischen und entwicklungsgeschichtlichen Erkennt- nis sah, dabei aber außer acht ließ, wie groß der Beitrag ist, den seine philologisch-historischen Studien für die Konzeption seines „Biologismus“ und „Evolutionismus“ geliefert haben. Hier stehen wir nun wohl an demjenigen Punkte, der Nietzsches Gegnerschaft gegen die Metaphysik, soweit er dieser Feindschaft förmlichen Ausdruck verlieh und ein Recht zu ihr zu haben glaubte, begreiflich macht. Der positive und positivistische Biologe und Kulturhistoriker in ihm und besonders die aus seinem Verhältnis zu den genannten Wissenschaften sich ergebende und hervorgegangene und von ihm so gern hervorgehobene „realistische“ Geisteshaltung mußten ihm jedes ausdrückliche Bekenntnis zur Metaphysik verbieten. Aber dieses Verbot entsprach nichtseinen Taten; es beruhte auf einer Selbsttäuschung und war unter dem Drucke einer Wissenschafts- tendenzformuliert, die Nietzsche als Historiker und als Biologe zwar auch wirklich vertrat, die jedoch weder die Tiefe seiner Begabung berührte und umspannte, noch seine Leistung auf dem Felde der Metaphysik verhindern konnte. Doch wie dem auch sein mag und welches Verhältnis Nietzsche wirklich zur Metaphysik hatte, jedenfalls lassen die Äußerungen der 6*