80 I. Typische Einwände gegen die Metaphysik faßt. Von der wahren und eigentlichen Dichtung der Poesie unter- scheide sie sich sehr zu ihrem Nachteil, weil sie nicht klar und sauber vorgehe. Die wahre und eigentliche Dichtung vollzieht eine bewußte Täuschung; denn sie weiß und sagt es, daß diejenige Wirk- lichkeit, die sie vor uns hinstellt, keine objektive Realität habe, sondern nur ein Erzeugnis der Einbildungskraft sei und den Charakter phantastischer Irrealität trage. Die Metaphysik hingegen will uns ein- reden, es gäbe eine absolute, von unserer Vorstellung unabhängige, für sich bestehende Wirklichkeit, ohne für eine solche Behauptung einen einwandfreien und überzeugenden Grund, nämlich eine positive, am Prinzip der naturwissenschaftlichen Kausalauffassung orientierte Begründung, wie solche allein den Anforderungen der Wissenschaft entspräche, beibringen zu können. Die von der Kunst errichtete Wirklichkeit zieht ihr Recht aus der Kraft der Phantasie, und diese Kraft ist ausreichend für die Erhärtung derjenigen Geltung, die die Wirklichkeit der Kunst genießt und besitzt. Die von der Meta- physik entwickelte Wirklichkeit ist eine leere Täuschung, eine inhaltslose Fiktion. Eine derartige Wirklichkeit ist in keiner Sinn- richtung „wirklich“; sie kann gar nicht sein, da die Synthesis, auf die sie sich stützen würde, nicht nur von den logischen Formen des Verstandes und von der geistigen „Organisation“ des Menschen abhängig ist, sondern auch von dem empirischen Material physio- logisch bedingter Sinneseindrücke. Lange stimmt der subjektivisti- schen Deutung der menschlichen Erkenntnis durch Schopenhauer zu: Die Welt ist und bleibt unsere Vorstellung, ferner der subjekti- vistisch-soziologischen Auffassung von Herbert Spencer: Sie ist ein Produkt der Organisation der Gattung. Gemäß der von ihm ver- tretenen und zweifellos durch Helmholtz beeinflußten „physiologi- schen“ Auslegung des kantischen Kritizismus beruft Lange sich auf die Entscheidungen der Vernunftkritik, die unwiderleglich gezeigt hätten, daß alle Synthesen unabtrennbar an subjektive Bedingungen gebunden seien, und daß sie jeden gegenständlichen Wert ein- büßen, sobald sie sich zu einer Befreiung von den regelnden Prin- zipien der Erfahrung erheben. Die Metaphysik als „Begriffsdichtung“ spiegelt uns nicht bloß die Chimäre einer Wirklichkeit vor, sondern ihre Synthesen sind nichtssagende Begriffsverschlingungen, denen der leitende Zwang der Grundsätze der Erfahrung fehlt. Sowohl Plato als auch Kant ernten einen entschiedenen Tadel, weil sie nicht eingesehen haben, daß die „intelligible Welt eine Welt der Dichtung“ sei. Schritt für Schritt treibt der Metaphysiker Miß-