72 I. Typische Einwände gegen die Metaphysik Diese Freiheit bekundet sich in dem eindrucksvollen Hervortreten einer ganzen Reihe einander gleichberechtigter und auch relativ gleichwertiger Systeme. Man denke nur, um bloß einen bestimmten Zeitabschnitt ins Auge zu fassen, an Schellings Offenbarungsphilo- sophie, Hegels Philosophie des absoluten Geistes, Schopenhauers Willensmetaphysik, an den Materialismus von Feuerbach usw., die alle ungefähr zu gleicher Zeit ans Licht traten und Scharen von An- hängern gewannen. Mit der Aufteilung des dogmatisch gültigen metaphysischen Systems in eine große Anzahl einzelner, unter- einander konkurrierender Systeme ging eine anarchistische Auf- teilung der Einheit des Geisteslebens Hand in Hand. Wenn sich in der Metaphysik überhaupt das Wesen eines Zeitalters in seinen Hauptzügen spiegelt, so muß sich in ihr auch sein Umschwung von einer beherrschenden Einheit zu einer kaum noch zu übersehenden und bis zur Verworrenheit gesteigerten Vielheit und Spannungs- fülle zum Ausdruck bringen. Das heißt: Die Metaphysik muß selber der Zersetzung verfallen, was auch, worauf Dilthey besonders hinweist, die Jahrzehnte zeigen, in denen er wirkte (etwa von 1880—1910). Die wichtigste Folge aus dieser Anarchie der metaphysischen Systeme war neben der Relativierung der metaphysischen Gesinnung auch die Entstehung der Überzeugung, daß alle metaphysischen Schöpfungen ausnahmslos von nur relativer und geschichtlich be- dingter Geltung sind. Sie können fernerhin nicht mehr als der allge- meingültige Niederschlag einer absoluten Vernunft und nicht mehr als der unbedingt gültige Ausdruck einer übergeschichtlichen und überpersönlichen Konstruktionsfähigkeit gelten. Der Grund für ihre Aufstellung und das Maß ihres Ansehens sind vielmehr darin gegeben, daß sie als das persönliche Bekenntnis bedeutender und mit ihren Gedanken weit um sich greifender Menschen aufzufassen sind. Die Metaphysik wird auf diese Weise als eine persönliche Gemüts- angelegenheit anerkannt. Ihr Wahrheitswert ist nicht mit den Sätzen der naturwissenschaftlichen Erkenntnis vergleichbar. Er liegt be- gründet in dem Maß der Subjektivität derjenigen intellektuellen und moralischen Kraft, mit der diese persönliche metaphysische Welt- auslegung gebildet, in die Sprache der Begriffe umgesetzt und zur Anerkennung und Geltung gebracht wird. Kein metaphysisches System spricht eine ewige Wahrheit aus, so sehr es auch eine solche Höhe und eine unbedingte Zuständigkeit für sich in Anspruch nehmen und von sich behaupten mag.