50 Dialektik und Leben Eigenschaft und willkürliches Zubehör, sondern als sein Faktor, als seine schöpferische Bedingung, als seine ewige Selbstverwirklichung, ja als seine ewige Aufgabe und Bestimmung, die aus ihm selber hervorgetrieben wird, weil sie seine Aufgabe und seine Bestimmung darstellt. Ohne diese Ur-Dialektik keine Erneuerung des Lebens. Wo sich, ganz unabhängig von jeder besonderen Gestalt, eine solche Erneuerung, eine Wendung, eine Krisis des Lebens anbahnt oder anzubahnen sucht oder auch nur in Aussicht steht, da läßt sich mit Sicherheit das Wiedererwachen und Wirk- samwerden der ewigen Lebensdialektik annehmen. So gewiß, wie mit allem Dasein das Moment der Krisis gesetzt, wie in alles Dasein das Moment der Krisis eingeschlossen ist, wie ihm immer ein schick- salsmäßiges Risiko innewohnt, so gewiß lebt auch alles Leben in einer Dialektik, lebt es zuhöchst nur von ihr. Das Leben wäre nicht frei, es wäre also ,,totes Sein“ und nicht Leben, wäre es nicht sein Schicksal, dialektisch zu sein und seinen Wert in seiner Dialektik zu erproben und zu offenbaren. Diese unmittelbare und unzerreißbare Wechselbeziehung zwischen dem Leben überhaupt und dem Faktor der Dialektik, diese meta- physische Rechtfertigung des Lebens aus seiner Dialektik, aus seiner Unruhe, aus seinem Übersichemporgerissenwerden läßt uns den Grund für die Erneuerung der Dialektik in dem Leben der Gegenwart tiefer, d. h. aus der Metaphysik des Lebens selber her begreifen. Diese Erneuerung wurzelt nicht in zufälligen geschichtlichen Erscheinungen und speist sich nicht aus dem äußeren Zusammenfluß solcher, miteinander schwer verträg- licher Bewegungen. In dem herben Durchbruch solcher schweren antinomischen Bewegungen, von denen sogleich die Rede sein wird, und deren Zwiespältigkeit untereinander unserer Zeit und uns die Ausgeglichenheit des Klassizismus genommen hat, tritt die ewige Dialektik des Lebens in einer nur zum Teil geschicht- lich bestimmten Sonderausprägung hinein in das Bewußtsein und in das Handeln der Gegenwart. Und lediglich dadurch, daß die empirisch-geschichtlichen Spannungen hervorwachsen aus der Tiefe der schöpferischen Ur-Dialektik, gewinnen sie eine mehr als bloß- geschichtliche Geltung und Notwendigkeit. Das soll nicht heißen, sie seien in ihrer konkreten Erscheinungsweise und in der konkreten Komplikation, in der sie im geschichtlichen Wirkungszusammenhang auftreten und sich entfalten, aus der Ur-Dialektik ohne weiteres ableitbar. Wohl aber soll dieser Gedanke besagen, daß jede einzelne