2. Die dialektische Geschichtsphilosophie 43 Wir gelangen für die Metaphysik der Geschichte mithin zur An- erkennung und zu der Forderung der Verwendung einer Prägung des Rationalismus, den wir als dialektischen Rationalismus bezeichnen wollen. Wir haben schon weiter oben von ihm ge- sprochen. Aber die Wichtigkeit dieses Punktes erlaubt und recht- fertigt seine Wiederholung gerade innerhalb einer Philosophie, deren Problem der „Geist der Dialektik“ ist, und die es unternimmt, diesen Geist aufzuhellen. Einen eindrucksvollen Gebrauch von dieser Form des Rationalismus haben unter anderem Georg Simmel in seinem Buche „Lebensanschauung“ und, für die meta- physische Begründung der Pädagogik, Theodor Litt in seiner Schrift „Die Philosophie der Gegenwart und ihr Einfluß auf das Bildungsideal“ gemacht. Dürfen wir die Behauptung noch einmal aussprechen, daß dieser dialektische Rationalismus die angemessenste und aussichtsreichste Methode für eine systema- tische Metaphysik der Geschichte darstellt? Beruht er doch auf der Einsicht von der unmittelbaren und schöpferischen Wech- selwirkung zwischen Erkenntnis und Leben, auf der Einsicht, daß eine Konstruktion, die lediglich vom Leben ausgeht, zu roman- tischem Mystizismus und in Unwissenschaftlichkeit entartet, während eine Konstruktion, die sich ausschließlich in der Sphäre der Begrifflichkeit bewegt und ausschließlich mit formal-logischen Prinzipien arbeitet, nichts als das Gespinst einer leeren und trockenen, einer lebensfernen und unfruchtbaren Verstandesmäßig- keit bedeutet. Der von uns vertretene und befürwortete Rationalismus fordert, an jedem Punkte die Möglichkeit einer „Frage“ offenzuhalten und die Notwendigkeit der Fortsetzung und Vertiefung der Diskussion zu betonen und zu bejahen. Er beseitigt nicht, sondern stärkt das Bewußtsein der „Problematik“ der Erkenntnis, weil er durch- drungen ist von der Erkenntnis der „Problematik“ des Lebens. Er ist nicht etwa in seinem äußeren Verlauf unendlich, was auch bei dem formalen und traditionellen Rationalismus der Fall ist, sondern er deckt in sich und durch sich an jeder Stelle der Wirklichkeit eine neue Tiefe, eine neue Problematik auf, so daß die Notwendigkeit zu immer neuen hermeneutischen Forschungen entsteht. Wenn eine der Hauptaufgaben dieses dialektischen Ratio- nalismus die Schaffung einer Kategorienlehre der historischen Vernunft ist, so muß die Erfüllung dieser Aufgabe in der Ge- winnung der Einsicht sich ausdrücken, daß die Eigenart jener