20 Einleitung liehe, d. h. seine geistige Heimat darstellen, und daß die Gesetze und Mächte der geschichtlichen Wirklichkeit von nicht geringerem Gewichte für das Sein und Werden des Menschen sind als die Gesetze der Naturwirklichkeit. Wie aber diese Erkenntnis aus den histo- rischen Wissenschaften hervorgegangen ist, so hat sie auch umge- kehrt eine immer mehr sich vertiefende Beachtung und Pflege dieser Wissenschaften gezeitigt. Man darf sagen, daß wir auch von Seiten der Wissenschaft her und durch ihre Vermittlung in eine inten- sivere Vertrautheit mit der geschichtlichen Welt gelangt sind, als frühere Zeiten und Geschlechter aufzuweisen haben. Es gibt wohl kein deutlicheres Anzeichen und keinen stärkeren Beleg für diese enge Verschlungenheiten des Menschen der Gegenwart mit den Bezügen der Geschichte als der Umstand, daß uns die geschichtliche Welt im großen und im kleinen zum „Problem“ geworden ist. Unsere tiefsten Nöte und Sorgen beziehen sich auf die Bewältigung dieses Problems, so z. B. auf die Frage nach dem Recht der Tradition, auf die Frage nach der Anhänglichkeit gegenüber der geschicht- lichen Vergangenheit, auf die Frage nach der Geltung der geschicht- lichen Einrichtungen, nach dem Einfluß, den sie berechtigtermaßen auf uns ausüben dürfen, nach ihrem Gehalt an Sittlichkeit usw. Es gehört zu den schwierigsten und ernstesten Problemen der Ge- schichte, daß wir in eine Überlegung darüber eingetreten sind, ob und in welchem Umfange wir ihr verpflichtet sind und ihrer Macht uns hingeben sollen, oder ob jene Autorität, die sie in sich trägt, und deren Anerkennung sie fordert, nicht in einem bedrohlichen Wettstreit mit jener Freiheit und Autonomie steht, die wir als sitt- liche Persönlichkeit in uns tragen, und die zu den unaufgebbaren Bedingungen unserer geistigen Existenz ebensogut gehört wie unsere zweifellose Verbundenheit mit den Wirkungszusammenhängen der Geschichte. Dieses gehalt- und eindrucksvolle Hervortreten gerade der historischen Wissenschaften bietet nun die Voraussetzung und die Veranlassung für die außerordentlich aussichtsreiche und deshalb unbedingt gebotene Verbindung zwischen ihnen und der Philosophie. Ein Vorgang, dem ähnlich und vergleichbar, der im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert die fruchtbare Beziehung zwischen der Mathematik und den mathematischen Naturwissenschaften auf der einen Seite und einer mathematisch und naturwissenschaftlich begründeten und entsprechend orientierten Philosophie auf der an- deren entstehen ließ. Was nun die historischen Wissenschaften,