288 Ein echtes Porzellan in unserm Sinne, durchscheinend oder auch nur von völlig weißem Korn, besaß man noch nicht, und die vielen Por- zellane zumal in den venezianischen Sammlungen sind als Majoliken zu verstehen, d. h. als glasierte irdene Geschirre. Diese waren schon im Mittelalter oft durch ihre reiche geschwun- gene Form und durch Farben und Gold bis an die Grenze der Kunst vorgerückt; im 15. Jahrhundert muß ihnen die Vervollkommnung der Glasur durch die Werkstatt der Robbia zustatten gekommen sein; aber erst im 16. wurde die volle Freiheit des dekorativen Modellierens und Flachdekorierens darauf angewandt. Dies ist es, was ihren Wert aus- macht, mehr als die mühselig aufgemalten Historien, auch wenn bei diesen raffaelische und andere berühmte Motive benützt sind. Die Hauptaussage: Vasari XI, p. 326, v. di Batt. Franco; vgl. XII, p. 118, v. di Tadd. Zucchero; - Benv. Cellini, vita II, c. 8. - Quatremere, vita di Raffaello, ed. Longhena, p. 290, Nota. Zwar gab es schon 1526 Liebhaber, welche Porzellane zu 600 Du- cati zu verlieren hatten, wie z. B. Giberti, Sekretär Klemens VII., bei Anlaß der ersten (colonnesischen) Erstürmung Roms; Lettere di prin- cipil, 106, Negri a Micheli. - Gleichwohl wird angenommen, daß wenig- stens die Majolikawerkstätten von Pesaro und Castel Durante erst um 1530 den Höhepunkt erreicht hätten, oder um 1540, als der Herzog Guidobaldo II. von Urbino den Battista Franco (§ 178) als Vorzeich- ner anstellte; außerdem hatte der Herzog eine Menge Skizzen von Raffael, Giulio Romano und ihren Schülern zu Vorlagen erworben. Etwas später gab z. B. Taddeo Zucchero die Zeichnungen zu einem ganzen Service, welches in Castel Durante für Philipp II. gebrannt wurde. An den Geschirren von Faenza war das gemalte Figürliche gemäßigt und nahm entweder nur die Mitte oder den Rand ein (wenn wir Va- sari recht verstehen). Die wenigen Töne, meist nur blau, violett, grün, gelb, weiß und schwarz, genügten nicht sowohl, um große Kompositionen glücklich wiederzugeben, als vielmehr, um alle Formen und Profile des Gefäßes sowohl als die dazwischenhegenden Flächen schön und charakteristisch zu schmücken. Bisweilen sind Tiere, Laubwerk und andere Zieraten zugleich reliefiert und bemalt. Das Beste sind große flache Schüsseln, Konfektteller, Salzbüchsen, Schreibzeuge u. dgl.; zumal solche ohne gemalte Figuren, mit zier- lichen und sparsamen Arabesken, wonach selbige etwa der Fabrik von Faenza angehören möchten. Schon die Grundform des Gefäßes oder Gerätes ist in der Regel vortrefflich, und eigens für den Zweck ge- dacht, nicht Reminiszenz. Schon zu Vasaris Zeit hatte sich übrigens dieser Kunstzweig über ganz Italien verbreitet. Von den Nachahmungen griechischer Vasen (in rot und schwarz), welche Vasaris Großvater Giorgio im 15. Jahrhundert zu Arezzo ver-