200 § D* Übersicht der Ausdrucksweisen Die Formensprache der Renaissancedekoration ist ungeheuer reich und redet fast an jedem einzelnen Werk aus verschiedenen Tönen zu gleicher Zeit. Das Hauptelement ist ein ideal-vegetabilisches, auf allen Stufen von dem beinahe Wirklichen bis zur traumhaft spielenden Verflüchtigung und andererseits bis nahe an die mathematische Versteinerung. Dazu kommen figürliche Darstellungen, welchen die Dekoration nur als Einfassung dient; dann figürliche Zutaten innerhalb der Dekoration selbst, sowohl Menschen und Tiere als leblose Gegenstände; endlich Übergänge aus dem Vegetabilischen in das Menschliche und Tierische. Dieses alles kann im flachsten wie im stärksten Relief, ja in bloßer Linearzeichnung, einfarbig oder vielfarbig, mit idealer oder fast wirklichkeitsgemäßer Bemalung dar- gestellt sein, ja in einzelnen Stukkaturwerken können sich fast alle denk- baren Ausdrucksweisen miteinander vereinigen. Die mehr als hundertjährige Blüte dieser großen und komplizierten Kunstgattung verdankt man wesentlich dem Umstande, daß die größ- ten Baumeister, Bildhauer und Maler sich derselben unaufhörlich an- nahmen und ihr oft einen großen Teil ihres Lebens widmeten. Vgl. § 14. Die Bildhauer behandelten lange Zeit förmlich das Dekorative und das Figürliche als gleichberechtigt (§ 130), die Maler wurden bei Anlaß des Gewölbemalens unvermeidlich in die Dekoration hineingezogen; die großen Baumeister aber liebten fast alle die ornamentalen Arbeiten, und wenn sie ihre Bauten dennoch einfach und groß komponierten, so ist ihnen dies, und zwar von Brunellesco an, desto höher anzurechnen. Das Zusammenmünden fast sämtlicher dekorativer Ausdrucksweisen erfolgt dann in Raffaels Loggien. Der Anstoß, welchen die Titusther- men und andere gemalte und stukkierte Räume des Altertums gegeben haben mochten, ist hier in jeder Beziehung gewaltig überboten. II. Kapitel DEKORATIVE SKULPTUR IN STEIN § D3 Bedeutung des weißen Marmors Obgleich jedem Stoff seine wahren Bedingungen abgesehen und keine Surrogate gestattet wurden, war es doch von Wichtigkeit, daß in dem ton- angebenden Lande, Toscana, der weiße Marmor das Hauptmaterial der Dekoratoren war und blieb.