84 IX. Kapitel DIE KOMPOSITION DER KIRCHEN § 61 Mangel eines besondern kirchlichen Formensystems Die Renaissance konnte keinen eigenen organischen und auch keinen eigenen sakralen Stil ausbilden im Sinne des griechischen Tempelstils und des nordisch-gotischen Kirchenstils. Sie wendet im Kirchenbau die anti- ken Formen und Anlagen an aus Bewunderung, weil sie dieselben für das Vollkommenste hält, braucht sie dann aber ohne Bedenken auch im Pro- fanbau. Die Schöpfung eines organischen Stiles hängt von hoher Anlage und hohem Glück ab, namentlich von einem bestimmten Grade unbefan- gener Naivität und frischer Naturnähe, und es hat seine Gründe, daß das Phänomen nur zweimal in der Kunstgeschichte vorgekommen ist. Einen bloß sakralen Baustil aber haben auch die rohen Urvölker und es ist ein Aberglaube, daß ein solcher einem Volke oder einer Kul- turepoche größere Ehre bringe als ein abgeleiteter Stil, welcher ja im Dienst einer nicht minder starken religiösen Absicht stehen und in ent- lehnten Einzelformen eigene und neue Gesamtgedanken ausdrücken kann. So hatte die altchristliche Baukunst nicht bloß die Einzelformen, sondern sogar die Baustücke von profanen wie von heiligen Römer- bauten entlehnt und damit ihr großes Neues geschaffen. Nun hat aber der abgeleitete Stil seine eigenen und großen Auf- gaben, welche ein organischer Stil gar nicht würde innerhalb seiner Gesetze lösen können. Er hat zunächst als Raumstil (§ 30, 32) ein Recht auf die Formen der vor ihm dagewesenen organischen und anderen Stile und soll sie nach seinem innern Bedürfnis aufbrauchen, wobei ihn sein Genius führen wird. Er kann vielleicht einzelne dieser Formen noch für spezifisch sakral halten, und auch die Renaissance hat einige Fenster- und Tür- formen anfangs wirklich dafür angesehen, bis der Palastbau dem Kir- chenbau diese Formen und sogar (mit Palladio) den Frontgiebel ab- nahm. Charakter und Bestimmung des Baues sind hier nur in der Ge- samtform ausgedrückt; das Detail ist dem Heiligen und dem Profanen gemeinsam. Sehr bedenklich aber ist es, sich auf die geringere Religiosität des damaligen Italiens im Vergleich mit der gotischen Blütezeit des Nor- dens zu berufen, ganz als ob man Religiosität und kirchliche Recht- gläubigkeit unserer nordischen Baumeister des 13. und 14. Jahrhun- derts genau messen könnte. Auf der andern Seite haben auch die sehr frommen Italiener der Renaissance nicht heiliger gebaut als ihre Zeit- und Kunstgenossen.