69 Hier ist nicht von der Nische als wesentlichem Teil eines Grund- plans die Rede, also nicht von Apsiden, auch nicht von jenen Nischen- oder Kapellenreihen, in welche bisweilen die ganze Langwand einer Kirche aufgelöst wird (§ 74, 76), sondern von der Nische für das Auge. Sie wechselt fortan gerne an Palastfassaden mit den Fenstern ab, gleich- viel ob ihr eine Statue gegönnt sei oder nicht. Wie die stärkere Plastik der vortretenden Teile, so wirkt sie zurücktretend; ihr Schatten ist wie der aller Rundflächen der schönste. An den Kirchenfassaden des 15. Jahrhunderts standen die Statuen auf Konsolen vor den sehr flachen Nischen (Certosa von Pa via, § 71), oder unter Tabernakeln mit Flachnischen (S. Bernardino zu Perugia); im 16. Jahrhundert erhalten sie die halbzylindrische, vollständige Ni- sche. Im Innern der Kirchen, an geraden wie an zylindrischen Mauer- flächen, ergab sich die Anlage von Nischen von selbst, um der Erwei- terung des Raumes und der Materialersparnis willen wie zur Aufnahme von Statuen und Altären. Wo die Pfeiler des Schiffes mit zwei Pi- lastern bekleidet werden, kommen zwischen die letztem eine oder auch zwei Nischen übereinander. Die frühste vollständige Durchführung des Nischenwesens bei Bramante (Tempietto von S. Pietro in Mon- torio, Plan von S. Peter) und bei Raffael (Langhausplan von S. Peter; vgl. § 66). Die Fenster des 15. Jahrhunderts (über deren Verhältnisse nach Al- bertis Lehre vgl. § 89), meist rundbogig, hatten nur ihr ringsumgehen- des Profil, welches z. B. im Backsteinbau sehr reich sein konnte; da- zu als Schmuck die Palmetten (§45). Die rechtwinkligen Fenster, im 15. Jahrhundert noch Ausnahmen, bekamen mehrmals noch Steinkreuze (Hof im Palast Pius II. in Pienza; Palazzo di Venezia zu Rom); in solchen Fällen hatte sich dann zag- haft und wenig bemerklich an den Pfosten der Pilaster gemeldet, hie und da mit Arabesken ausgefüllt. Dagegen waren die wichtigeren Türen an Kirchen und weltlichen Gebäuden, nach innen sowohl als nach außen, an ihren Pfosten schon regelmäßig mit Pilastern bekleidet worden, welchen man reiche Fül- lungen mit Arabesken, auch wohl sehr sorgfältige Kannelüren und bis- weilen ein kostbares Material (Paonazetto u. dgl.) gönnte. Über die Ordnungen solcher Pilaster: Alberti de arte aedij., L. IX, c. 3: fenestras ornabis opere corinthio, primarium ostium ionico, fores tricli- niorum et cellarum et eiusmodi dorico, was im 15. Jahrhundert nur von Pilas- tern zu verstehen ist. (Nach der Vorschrift richtete sich kaum jemand.) Die schönsten damaligen Pforten von Rom: an der Kirche S. Marco beim Pal. di Venezia und vor Allem am Hospital S. Spirito mit kan- nelierten Pilastern. Außer aller Linie stehen die vier höchst prachtvollen Fenster der Fassade der Certosa von Pavia; eigentlich als Pforten gedacht; ihre Pfosten und Oberschwellen antiken Türeinfassungen nachgebildet;