24 § 18 Eindringen und Machtumfang des Gotischen Mit dem 13. Jahrhundert drang der neue, in Frankreich entstandene Baustil, welchen man den gotischen nennt, auch in Italien ein. Sein Erfolg beruhte nirgends und auch hier nicht auf den Vorzügen seiner dekora- tiven Erscheinung; er siegte als gewaltigste Form des gewölbten Hoch- baues mit möglichst wenig Material. Das Dekorative war anfangs in Frankreich selbst wenig entwickelt und die frühsten Boten brachten nicht einmal dies Wenige nach dem Ausland. (Vgl. die ältesten gotischen Teile des Freiburger Münsters, mit beinahe gar keinem oder noch romanischem Detail.) Italien hätte für die bloße Pracht ohnehin schon Mosaiken und Marmor voraus ge- habt. Daß nicht Franzosen, sondern Deutsche das Gotische nach Italien brachten, mochte daher kommen, daß in Frankreich, beim gleichzei- tigen Bau so vieler Kathedralen, kein Fachmann entbehrlich war. Wes- halb lassen die Editoren Vasaris (I,p. 247, Nota, v. di Arnolfo) den Ja- copo Tedesco, welcher S. Francesco in Assisi und den Dom von Arezzo baute, aus Veltlin oder von den oberitalienischen Seen stammen? Die Herrschaft des Gotischen in Italien traf zusammen mit der höch- sten monumentalen Begeisterung, als nicht nur Kathedralen, sondern auch Bettelordenskirchen im Begriff waren, den größten Maßstab anzu- nehmen; da aber jede Stadt und jeder Architekt etwas Besonderes, Eigen- tümliches wollte und niemand sich prinzipiell an den neuen Stil gebun- den fühlte, so nahm derselbe hier viele einzelne Gestalten an, welche allen Zusammenhang mit der ebenfalls aus dem Norden überlieferten Sprache der Detailformen verloren. Es wird eine gärende, nirgends ganz harmoni- sche Übergangsepoche. S. Franz und S. Dominicus hatten es noch erlebt, daß trotz ihres Pro- testes ihre Orden von dem allgemeinen Bausinn mitgerissen wurden. Hierüber die fast neidische Klage eines Benediktiners, Matth. Paris ad a. 1243. Jetzt erst beginnt in Italien die Zeit der großen Probestücke; man nimmt dem Jacopo Tedesco und den übrigen die neuen konstruktiven Prinzipien aus den Händen, um etwas ganz anderes damit anzufangen. Das gotische Detail wird ohne Respekt vor seinem eigentlichen Sinn gemißbraucht oder weggelassen; es muß sich mit seinem Todfeind, der Inkrustation, vertragen. (Die ergötzliche Geschichte, wie die Pe- ruginer bei einer Fehde 1335 den Aretinern die für deren Dom fertig liegenden Inkrustationsplatten raubten und auf festlich geschmückten Wagen mit nach Hause nahmen, ja dieselben angeblich für die Inkru- station ihres eigenen Domes verwandten, Archiv, stör. XVI, I,p. 618;-