22 Oberitalien schließt sich dem mitteleuropäischen romanischen Stil an; Venedig und Unteritalien beharren wesentlich auf dem byzantini- schen. Vereinzelte Nachahmungen antiker Gebäude kommen hie und da vor; S. Fedele in Como z. B. wäre nicht denkbar, ohne S. Lorenzo in Mailand (§ 62). In Rom und in Toscana dagegen zeigen sich denkwürdige frühe Ver- suche zur Wiedererweckung der Bauformen des alten Rom, nur immer mit derjenigen Selbständigkeit, welche dem modernen italienischen Geiste dann bei seinem Bündnis mit dem Altertum stets eigen geblieben ist. Das Wort rinascita vielleicht zum erstenmal bei Vasari (III, p. 10) im Proemio des zweiten Teiles, und zwar in einem chronologisch schwer zu bestimmenden Sinne und zufällig nur bei Anlaß der Skulp- tur; doch ist ohne Zweifel die große Kunstbewegung seit dem 12. Jahr- hundert im allgemeinen darunter verstanden. Der Ausdruck ist seither über alle Gebiete des Lebens ausgedehnt worden, bleibt aber in sich einseitig, weil er nur die eine Hälfte der Tatsache betont. Die freie Originalität, womit das wiedergewonnene Altertum aufgenommen und verarbeitet wird, die Fülle ganz eigen- tümlichen modernen Geistes, welche bei der großen Bewegung sich mit offenbart, kommen dabei nicht zu ihrem Rechte. Rom und Toscana bleiben zunächst der altchristlichen flachgedeck- ten Säulenkirche, der Basilika, treu; sie vernutzen viel mehr antike Bauteile oder müssen dieselben, wo sie fehlen, genauer nachbilden. So stirbt besonders die Begeisterung für die Säule nie aus; die Fassaden der toscanischen Kirchen bedecken sich mit mehrern Säulenreihen übereinander oder mit deren Nachahmung als Blindgalerien von Halbsäulen. Am Turm von Pisa die schönste Verklärung, deren seine zylindrische Form fähig war: sechs lichte Säulenhallen über- einander. Die römischen Basiliken des 12. Jahrhunderts nehmen statt des Bogens wieder das gerade Gebälke an; andere Bauten und kleinere Zierarbeiten zeigen eine wahre Renaissance bis ins einzelnste. Die Kirchen: S. Maria in Trastevere, S. Crisogono, das neue Lang- haus von S. Lorenzo fuori. An den Bauten der Cosmaten um 1200: den Klosterhöfen beim La- teran und bei S. Paul und der Vorhalle des Domes von Civitä castel- lana, das Detail teilweise ganz getreu nach dem Altertum, anderes stark abweichend. Der Hof von S. Paul der anmutigste Zusammenhang von Strenge und Phantastik.