78 Die Kunst gehört vieles von Malerei und Plastik, nämlich alles, was Innenleben anschaulich darstellt. In die symbolische Gruppe gehört alle Sprachkunst und alle Musik, soweit nicht bloß Rhythmus und Klanghaftes hier eine Rolle spielt. Die Musik nimmt aber insofern eine Sonderstellung ein, als sie Symbol ohne gedankliche Vermittlung ist. Daß Musik überhaupt da ist, das heißt: daß in Tönen Innen- leben ausgedrückt werden kann, ist ein großes Rätsel. Aber es ist so. Denn mag auch vieles an unserer mu- sikalischen Symbolik auf bloßem Herkommen beruhen — selbst „Dur“ und „Moll“ haben für Orientalen nicht den selt- samen Gefühlswert, den sie für uns haben! — so bleibt doch als „Urphänomen“ bestehen, daß überhaupt Tonzusam- menhänge des Innenlebens symbolischer Ausdruck sind. Schopenhauer hat der Musik den höchsten Rang unter den Künsten zugewiesen; das eigentliche Grundprinzip alles Wirklichen, den Willen, stellt sie nach ihm sym- bolisch dar; alle anderen Künste veranschaulichen nur des letzten Wirklichen einzelne Erscheinungsfermen. Ich möchte an Stelle des Wortes „Wille“ das Wort „das Seelische“ setzen. Auch dann bleibt Musik der sy mbolische Ausdruck des Höchsten, was wir kennen: des Geistes. Gehen nun auch Philosophie und Kunst getrennte Wege, so kommen sie doch im Letzten zusammen: sie sind beide Wesenserfassung, und sie gipfeln auch beide in Religiosität. Ich rede hier gar nicht einmal von der Dichtung, die ja, weil durch Worte vermittelt, stets eine Mischung aus Kunst und eigentlicher Philosophie ist. Ich denke etwa an die Sistinafresken Michelangelos, an Fra Angelico, an die neunte Symphonie, an „Zauberflöte“, „Tristan“ und „Parsifal“. Da haben wir auch amor dei. Nicht freilich, wie bei der Philosophie, den amor intel- lectualis, nicht die auf Wissen gegründete Liebe zum Höchsten. Wohl aber auch einen amor, der auf Wesens- erfassung gegründet ist. Und so kommen denn, wenn wir jede Art der Wesens- erfassung am Erlebten „intuitiv“ nennen, Philosophie und Kunst im Amor intuitivus dei zueinander.