76 D ie Kunst herausgreift und diese in auschaulicher Form vor sein Bewußtsein stellt. Tut er das, so ist er Künstler, nicht Philosoph. Die Fähigkeit, Wesentliches in auschaulicher Form zu erfassen, ist die eigentliche Grundeigenschaft des künst- lerischen Menschen. Sie ist daher auch die Hauptsache beim Künstler im engeren Sinne, das heißt bei dem Men- schen, welcher Kunstwerke schafft, und die größte Fertigkeit im Schaffen kann nie einen Mangel an dieser Grundeigenschaft ersetzen. Es kann einer künstlerisch begabt sein, ohne ein Künst- ler im engeren Sinne zu sein. Dann erfaßt er das Wesen, den „Typus“, an anschaulichen Naturgegenständen und ist auch befähigt, eigentliche Kunstwerke zu verstehen. Das Anschauen, das hier in Frage kommt, ist etwas anderes als das Schauen der Philosophie und doch mit ihm verwandt. Auch der Philosoph erfaßt alles letzte Wesentliche, von dem er handelt, insofern intuitiv, als er im Rahmen des ihm gegebenen Gegenständlichen1) schaut: das ist so, ohne es begründen, das heißt aus anderem ableiten zu können. Könnte er das, so wäre es ja nichts „letztes“ Wesentliches. In diesem Sinne werden intuitiv vom Philosophen die Axiome der Geometrie, die obersten Prinzipien der Logik, die ursächlichen Formen der Natur und anderes erfaßt. Intuition heißt hier: un- mittelbares Innewerden des Daseins und Soseins eines Tatbestandes an der Hand seines Erlebtseins. Der künstlerische Mensch schaut „an“, er erfaßt sinn- lich. Natürlich kann er da nur erfassen, was sinnlichen Ausdruck in der Welt findet, sei es, daß es ganz un- mittelbar durch die Sinne erfaßt wird, sei es, daß es in J) Mit dem, was hier „Intuition“ genannt wird, soll selbstredend nicht einer angeblich erfahrungsfreien „Schau“ des Wirklichen (und Empirischen), einer „intellektualen Anschauung“, einer „Mystik“ das Wort geredet werden. „Erfahrungsfrei“ werden nur logische und mathematische Bedeutungen und Bedeutungszusammenhänge „ge- schaut“, also nur „Formales“; aber selbst hier kommt nur eine Freiheit vom Quantum der Erfahrung in Frage, mindestens ein „Erfahrungs“fall muß auch hier da sein.