Die Kunst 75 er ein Teil ist, der Irrtum z. B. und die Krankheit, und in großer Stärke die Mängel seiner sittlichen Kraft, ein Gegenstand, von dem wir noch zu reden haben werden. Am Dualismus der Welt, an unserem Verkettetsein in das Reich der Materie, welches das Reich der Unganzheit ist, leiden wir hier, und aus diesem Verkettetsein in das, was unserem geistigen Wesen fremd ist, wünschen wir erlöst zu werden. Aber „Tod“ ist und bleibt doch das größte Rätsel und der größte Gefühlserreger. Nennt man dieses in Wissen und Vermuten eingebettete und mit ihnen eng verkettete Gefühl von Abhängigkeit, Leiden und Erlösungswunsch das Gefühl des „Religiösen“, so endet also die Weltanschauung des kritischen Men- schen eben da, wo die des Natürlichen geendet hatte: in Religion. Freilich in einer Religion, die nicht wissens- feindlich, sondern mit Wissen, mit echtem Wissen und begründeter Vermutung durchaus durchtränkt ist und sich dadurch von fast allen Kirchenreligionen — vielleicht mit Ausnahme des frühen Buddhismus — unterscheidet. Denn dem kritischen Menschen kann der Glaube an irgendein wissensmäßig durchaus unbegründetes und nicht zu begründendes Dogma nicht zugemutet werden. Das religiöse, auf Wissen und berechtigte Vermutung gegründete Gefühl aber ist, ob es schon Leidens- und Ab- hängigkeitsgefühl ist, doch zugleich ein Gefühl des Ver- trauens, des Geborgenseins und der Liebe; und damit wird die auf Erkenntnis gegründete Liebe zum Höch- sten — der amor intellectualis dei — das letzte Wort der Philosophie, das heißt der gedanklich geformten Erfassung des Wesens der Wirklichkeit seitens des Menschen. V. Die Kunst Der Mensch kann das Wesen der Wirklichkeit nun noch anders erfassen als in gedanklicher Form, näm- lich dadurch, daß er sich einzelne ihrer Wesenszüge