72 Das „Jenseits“ und der Tod hatte er, als er „kritisch44 wurde, recht, die Frage aufzu- werfen, ob dieses Wirkliche auch wohl so „sei44, wie er es erfasse, und oh „hinter“ seiner Welt nicht vielleicht eine Welt des „an sich“ gelegen sei. Er hatte auch recht, als er ein Jenseits der Welt annahm. Ohne es eigentlich zu beabsichtigen, sind wir geradezu dahin getrieben worden, ihm auch hier recht zu geben. Freilich haben wir die große Frage, welche den natür- lichen Menschen zum Jenseits trieb, noch gar nicht be- rührt. Ist es aber nicht bedeutsam, daß wir schon, ohne jene Frage zu berühren, dahin geführt worden sind, wohin sie ihn führte? Legitimiert das nicht gerade den Jenseits- begriff am allerbesten? Doch nun werfen auch wir die Jenseitsfrage angesichts jenes großen Problemes auf, das den Naiven auf sie ge- führt hat, angesichts des Problems des Todes. Wir wissen schon, daß das Todesproblem die Geburts- stätte aller Religionslehren, ja wohl auch der Religion selbst, und aller im engeren Sinne metaphysischen Lehren gewesen ist. Dessen, was hier eine gewissenhafte Philoso- phie sagen kann, ist nun aber sehr wenig. Daß alles, was irgendwie Wissen und Ganzheit ist, nicht vernichtet werden kann, ist zwar klar, da in beiden ein Grundwesenszug des Wirklichen vorliegt. Wollen wir das einen göttlichen Wesenszug nennen, so ist mit dieser Ein- sicht also auch aller Atheismus im eigentlichen Sinne des Wortes abgetan. Aber den Menschen interessiert nun besonders sein liebes Ich mit seinem höchstpersönlichen Besitz von Er- innerungen und Erlebnissen. Ist dieses „unsterblich“? Darauf hat nun die Philosophie bis heute keine end- gültige Antwort. Gewiß, nichts spricht gegen eine per- sönliche Unsterblichkeit im üblichen Sinne, wie sie im Christentum und im Islam zum Beispiel dogmatisch ge- lehrt wird. Aber es spricht heute auch kein bekanntes Faktum unmittelbar und ganz ausschließlich für diese Lehre. Denn es möchte eine allgemeine Unsterblichkeit geben, d. h. ein großes überpersönliches Überich, aus dem