A. DIE ERFASSUNG DER WELT I. Das natürliche Weltbild Der natürliche Mensch ist überzeugt, daß es eine Welt gibt und daß er diese Welt bis zu einem gewissen Grade in ihrem wahren Wesen kennt. Es ist dabei ganz gleich- gültig, ob dieser „natürliche“ Mensch ein Neger aus dem Inneren Afrikas oder ein Bewohner des heutigen West- europa ist, ja auch, ob wir uns an seiner Stelle einen römischen Bauern aus der Zeit des Augustus denken. Nur „natürlich“ muß der Mensch, von dem wir hier reden, sein: er darf nicht darüber nachgedacht haben, was das eigentlich heiße, daß er da eine Welt vor sich habe, und ob er sie wohl in der Tat so erfasse, wie sie „wirklich“ ist. Religiöse und abergläubische Gedanken darf er soviel haben, wie er will, wenn sie nur diese Punkte unberührt lassen. Daß er nicht alles an der Welt kennt, das weiß er ja. Warum soll es da nicht Bezirke der Welt geben, die „himmlischen“ etwa, welche er noch gar nicht kennt, und in denen die Götter wohnen? Diese Art der Begren- zung des Wissens ist eine ganz andere als die, welche aus der Frage hervorgehen kann, ob man die Welt auch wohl wirklich so, „wie sie an sich ist“, erfaßt habe. Und erst das Nachdenken über diese Frage hebt die „Natürlich- keit“ des Menschen auf. Wie das ganz kleine Kind zur Welt steht, wissen wir nicht. Ja, das können wir gar nicht wissen. Denn der Er- wachsene erinnert sich an die Erlebnisse seines ersten Lebensjahres nicht; und in den Jahren, an die er sich er- innert, mögen sie selbst schon das zweite Lebensjahr in seltenen Fällen umfassen, in den Jahren besaß er schon eine gewisse Kenntnis der Welt, wußte jedenfalls, daß es 1 Driesch, Der Mensch und die Welt