AUS ANLASS KAFKAS Wir leben nur in einer der Welten, der unsern. Die ihr zugehören, bewegen sich ohne Schwierigkeit in ihr; denn wohin sie auch gehen: überall — auf dem Mond genau wie auf der Erde — können sie Geometrie treiben, die Minuten zählen und über Kausalzusam- menhänge diskutieren. Das ist ganz einfach: sie ziehen überall die Uhr heraus und messen Entfernungen. Aber wenn wir eine der ande- ren Welten betreten wollen, gerät alles durcheinander und das Atmen macht uns Mühe. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn wir können ja — wie man es uns gelehrt hat — nur auf unsere eigene Art sehen und denken. Und da wir ohne Denken und Sehen nicht sein können, ist es natürlich beängstigend, wenn man nicht weiß, wie man das anstellen soll. Deshalb ist es vernünftig, daheim zu bleiben und das Unbekannte zu zählen und zu messen, ohne den Wunsch, die Grenzen einer Welt zu überschreiten, die groß ge- nug ist, daß man in ihr immer etwas zu tun findet. Aber es gibt Abenteurer, die es gewagt haben, sie zu verlassen, und Welten betraten, die nicht bereit waren, sie aufzunehmen. Die mei- sten von ihnen verirrten sich dabei und mußten in den Asylen Zuflucht suchen, die die Bewohner dieser Erde für jene bereithal- ten, die ihre Heimat verlassen haben. Aber es gibt doch auch einige, sehr wenige allerdings, die auf ihrer Reise einen hellwachen Geist bewahrten. Sie blieben wach während ihres Schlummers; sie behielten die Augen offen, während sie schliefen. So war es bei Kafka, der während seines ganzen Lebens ein Ab- wesender unter uns blieb und von einer Welt zu uns sprach, die 87