56 Intuition und Positivismus. fassung ebensowohl ein legitimes Problem wie die durch die Worte „Seele“ und „Unsterblichkeit“ ausgedrückten, bereits im Rahmen der Ordnungslehre auftretenden Fra- gen, die, wie wir wissen, von den Wienern ja auch als legitime philosophische Probleme abgelehnt werden. Hier möchte man aber denn doch in der Tat noch ein- mal sagen: Hat es wirklich für die Wiener „keinen Sinn“, zu fragen, ob nach „meinem Tode“ noch etwas „sei“, ja, ob „ich“ da nicht vielleicht noch in irgendeiner heute un- sagbaren Form als erlebender „sei“? Würden die Wiener diese Fragen als sinnvolle, wenn auch nur hypothetisch zu beantwortende, wirklich leugnen, so wären sie radikale, solipsistische Traumidealisten — und ich meine, das wür- den sie bestreiten. Bestreiten sie das aber, so sin d sie selbst Metaphysiker und verstoßen selbst gegen ihre Lehre, daß das An-sich-Sein kein legitimes Problem sei; zum minde- sten sind sie es insofern, als sie, implizite jedenfalls, vor- geben, daß unabhängig von seinem Erfaßtsein, als auch unabhängig von meinem Tode etwas „sei“. So ein „Realis- mus“ ist schon Metaphysik. Doch wir kehren zurück zum Begriff des Positivis- mus: Wir sagten, Positivismus sei die Vorschrift, sich in empirischen Dingen von den gegebenen Daten bei ihrer Ordnungserfassung leiten zu lassen — also von Jetzt-Hier-So-Daten, wo Natur, wo Ich-Jetzt-So-Daten, wo Seele in Frage kommt. Beschränken wir uns auf Natur, so bedeutet nun „Po- sitivismus“ nicht, wie gelegentlich irrtümlich gesagt wird, daß die gegebenen Daten von der Form Jetzt-Hier- So in ihrem unmittelbaren Erlebtsein ordnungshaft verkettet werden sollen. Das würde nie zu „Naturwissen- schaft“ führen.