Die ontologische Phänomenologie. 39 etwa eine „bittende Gebärde“ erfahrungsfrei richtig er- fassen solle, ist eine Behauptung, die geradezu grotesk ist. Daß mit dem Ich zugleich das Du als wirklich gegeben sein müsse, daß es gar kein Ich ohne Du geben könne, scheint mir eine so unmögliche Lehre zu sein, daß ich kaum verstehe, was sie meint. Praktisch mag der Zeit nach beim Kind der Besitz des klaren sich selbst reflek- tierenden Ich mit dem empirisch erworbenen klaren Du- Begriff zusammenfallen. Aber das meint man ja nicht. Was man offenbar meint, scheint mir aber deshalb jedes angebbaren Sinnes bar zu sein, weil ein Erleben ohne zu- gehöriges Ich ein unvollziehbarer Gedanke ist. Erleben ist „wesensmäßig“, um auch einmal phänomenologisch zu reden, an Ich und Etwas gebunden, gehört notwendig zu ihnen, ebenso wie Farbe notwendig zu Ausdehnung gehört; und das einzige, was zugegeben werden kann, ist dieses, daß das Ich beim Erleben bisweilen nur, in J. Volkelt’s Sprechweise, „implizite“ erlebt wird; aber selbst das nicht gerade häufig. Das angeblich ichfreie Erleben ist eine falsche begriffliche Konstruktion, unbewußt erwachsen aus dem Wunsche ein oberstes Genus, das Plotin’schen Hen zu finden; ist also gerade nicht „phänomenolo- gisch“ vorgefunden. Das „Du“ als Du ist stets ein Analogieergebnis, sogar angesichts der Tatsachen der Telepathie und des Ge- dankenlesens. Denn hier weiß man unmittelbar zwar um den bewußten Besitz eines Anderen, aber nicht um „ihn“ als Besitzer. Zuzugeben ist allenfalls, daß das sogenannte moralische Bewußtsein, also der Begriff des Es sollte sein, implizite ein anderes Seelisches fordert. Daß das ein eigentliches „Du“ im engeren Sinne sein müsse, ist aber gar nicht ausgemacht. Der „Wilde“ läßt überall Geister sein; der