— 32 — Nach den Schlagwetterexplosionen im Saarrevier ging man dem Kohlenstaub ganz energisch zu Leibe. Die Zahl der mit der Befeuchtung des Kohlenstaubes beschäftigten Leute wurde verdoppelt, es wurden Spritzmeister angestellt. Diese wurden aus älteren zuverlässigen Hauern ausgewählt; der eigentlichen Kohlengewinnung wurden dadurch viele Leute ent ­ zogen. Die neuen Spritzenmeister sparten nicht an Wasser, die Strecken schwammen. Der Kohlenstaub wurde mit aller Gründlichkeit beseitigt, wodurch aber andere Übelstände erzeugt wurden. Die Seitenstöße der Strecken bröckelten durch das intensive Naßmachen los, die Bergemauern der Strebestrecken usw. brachen herein, das Liegende quoll auf. Für die Unterhaltung der Strecke wurden mehr Leute erforderlich, die wiederum der Kohlen ­ gewinnung entzogen wurden, aber- trotzdem wurden die Störungen der Kohlenförderung, die durch das Hereinbrechen von Felsmassen und Heben des Liegenden entstanden, größer. Nun der nicht gerade seltene Fall, daß an irgend einer Stelle die Spritzwasserleitung bricht. Geschossen darf nicht werden, bevor die Schußstelle in einem Umkreise von zehn Metern berieselt wird. Ein Bruch der Wasserleitung, dessen Beseitigung unter Umständen mehrere Stunden dauern kann, bedingt bei strenger Handhabung der Bergpolizeiverordnungen das Einstellen der Schießarbeit für den Feldesteil, dem kein Spritzwasser zugeführt werden kann. Muß der Bergmann aber ohne Schießarbeit auskommen, so kann er auch bei größter Anstrengung nicht das übliche Kohlenquantum fördern. Hier wie früher wieder das gleiche Bild: die Kohlenförderung und damit auch die Tonnenleistung geht zurück, während die eigentliche Leistung der Bergleute dieselbe bleibt oder gar steigt. Nach den großen Grubenunglücken wurde eine Befahrungskommission ins Saarrevier entsandt, um Mängel und Mißstände aufzudecken und Vorschläge zu machen, wie jenen abzuhelfen ist. Am besten wäre es gewesen, wenn diese Kommission bei ihrer offiziellen Ankündigung bereits im Saarrevier angelangt war und dort innerhalb weniger Tage alle Gruben befahren hätte. Wie war nun die Sache in Wirklichkeit? Die Kommission war vor ihrer Ankunft avisiert. Zwischen der Befahrung der ersten und letzten Grube lagen Monate, zudem waren die Grubenfahrten genau bestimmt und festgelegt, man wußte be ­ stimmt, wohin die Kommission fuhr und wohin sie nicht fuhr. Die Folgen dieser Maß ­ nahmen war naturgemäß die, daß die Gruben sich vorbereiten und die von der Kommission befahrenden Baue herrichten konnten, daß es nirgends etwas auszusetzen gab. Doch das fällt nicht in den Böhmen dieses Aufsatzes. Was hier interessiert, ist der Umstand, daß die Gruben, die noch den Besuch der Kommisson erwarteten, ihr ganzes Augenmerk auf eine den Vorschriften entsprechende Zurichtung ihrer Betriebe richtete. Das kostet Geld und Zeit. Und die darauf veruxmdte Zeit geht bei der Kohlengewinnung verloren. Hier handelt es sich nicht um Hunderte, sondern um Tausende von Tonnen Kohlen, die plötzlich weniger gefördert werden. Ein solcher Rückgang muß selbstverständlich auf die Tonnenleistung der Gesamtbeleg schaß ungünstig einwirken. Die bisher angeführten Gründe für den Rückgang der Förderung wurden durch die furchtbaren Katastrophen gegeben; je weiter die Begebnisse in die Vergangenheit rücken, je mehr treten die früheren Verhältnisse, die normale Handhabung derVorSchriften wieder in den Vordergrund, und in demselben Verhältnisse steigt die Kohlenförderung wieder. Wenn man an den Schutz des Lebens und die Gesundheit der Bergleute denkt, muß man die Stei ­ gerung der Kohlenförderung durch diese Ursache bedauern. 1 '’ Der Vorhersage des ,,Bergknappen“ entsprechend ging dann auch die Durchschnittstonnenförderung auf den Kopf der Gesamtbelegschaft um 13 Tonnen zurück. Und das in einer Zeit der Hochkonjunktur. Daß wirklich das Unglück und seine Folgen zu dem Rückgang der Durchschnittsförderung zum mindesten mit beitrug, geben auch die dem Hohen Hause der Abgeordneten (21. Legislatur ­ periode II. Session 1908/09) zugegangenen Nachrichten von dem Betriebe der unter der preußischen Berg-, Hütten- und Salinenverwaltung stehenden Staats ­ werke während des Etatsjahres 1907 zu. Dort wird der Rückgang der Förderung an der Saar zum Teil auf die Arbeiterverhältnisse und die Abwanderung jüngerer leistungsfähiger Arbeitskräfte zurückgeführt und hinzugefügt: ,,Ferner machte sich der Einfluß des Redener Massenunglücks am 28. Januar 1907 in einem Rückgänge der Leistungen stark bemerkbar. Zu der Abnahme der Arbeitsleistung trugen auch nicht unwesentlich die aus Anlaß dieses Unglücks gesteigerten Sicherheits ­ maßnahmen und die Verschärfung der bergpolizeilichen V or Schriften bei." (S. 4.) Ähnlich spricht sich auch der amtliche Bericht über ,,Die Bergwerks ­ industrie und Bergverwaltung Preußens im Jahre 1907“ in der Zeitschrift für