für ein einiges, freies Deutschland. Im Saargebiet spielen sich allerdings keine weltgeschichtlichen
Ereignisse ab, aber nichts ist bezeichnender für den lebhaften Charakter des Saarlandes
als der Widerhall, den die Bewegung hier findet durch den nach politischer Betätigung
drängenden Geist. Der freiheitliche und zugleich großdeutsche Gedanke zündet, zumal der Traum
von inem mächtigen Deutschland gerade in der so oft schwer heimgesuchten Grenzmark längst
lebt und webt und alles politische Empfinden in seinen Bann zieht. Im März setzt das Drama
ein. Die Meldungen über die Pariser Februar-Revolution und die stürmischen Märztage im
eigenen Vaterlande finden jubelnde Aufnahme. Die Bürger drängen sofort den Stadtrat, die
Wünsche der Schwesterstädte über ein deutsches Parlament, Preßfreiheit, Verminderung des
stehenden Heeres bis zur Abschaffung, Volksbewaffnung, Religions- und Gewissensfreiheit usw.
in einer Adresse dem Könige zu übermitteln. Aus dieser Eingabe an den Herrscher sind noch
heute einige Zeilen für uns bedeutsam. Es heißt da: „An unseren Fluren ragen Frankreichs Berge
mit der Fahne der Freiheit. ‚Sie lockt‘ uns nicht; unsere Herzen schlagen für Deutschland
— für Deutschland, wie es heute noch nicht ist, aber wie es sein wird und hervorgehen wird
aus diesen Tagen der Prüfung durch Freiheit, Einigkeit und die Kraft seiner Völker.“ Aus
einer Sicherheitswache entstehen Bürgerwehren, die schwarz:rot-goldene Fahne weht überall.
Feierliche. Bannerweihen werden abgehalten. In zahlreichen Versammlungen werden die
politischen und wirtschaftlichen Fragen mit großer Lebhaftigkeit erörtert. Der Reif in der
Frühlingsnacht bleibt aber nicht aus. Friedrich Wilhelm IV. lehnt die deutsche Kaiserkrone ab,
die Reaktion gewinnt Oberwasser, die Bürgerwehr wie der Turnverein werden aufgelöst, die
Ruhe kehrt zurück. Das letzte Wahrzeichen der Revolution, die schwarz-rot-goldene Blechfahne
auf dem St. Johanner Marktbrunnen, läßt der Bürgermeister im August des Jahres 1850 entfernen.
Erneute französische Ansprüche.
Die Franzosen können den Verlust des Saarbrücker Kohlenbeckens nicht verschmerzen,
sie werden nicht müde, ihrem Verlangen nach dem reichgesegneten Land Ausdruck zu geben.
Sie lassen, sobald ihnen die Gelegenheit günstig erscheint, durchblicken, daß der Rhein ihre
natürliche Grenze sei. Jede passende und unpassende Gelegenheit muß herhalten, wenigstens
die Abtretung des Saartals zur Erörterung zu stellen. Dann aber ist stets die Gemütsruhe
der Bevölkerung dahin, sie kämpft für ihr Heiligstes, für ihr Deutschtum., Wie heute ruft die
Presse bei solch freundnachbarlichem Vorgehen in großer Erregung hinein ins Reich: „Verlaßt
uns nicht, ein kerndeutsches Land ist in Gefahr!“ Dies wiederholt sich 1840, 1860, 1866»
1870 und 1918. Bezeichnend für diese französische Ordnung und ihre fadenscheinige Begründung
bleibt ein Artikel in der „Opinion nationale‘ vom Jahre 1861. Es heißt da: „Frankreich
wird seine gerechten Ansprüche auf das geringste Maß beschränken. Saarlouis, Saarrücken
und Landau müssen Frankreich zufallen, ein Gebiet, das nicht allein für das militärische,
sondern auch für das industrielle und kommerzielle Frankreich ein unentbehrliches Annex ist.
Die wahre Politik, die der Eintracht und des Friedens, besteht darin, einer Nation das nicht
zu verweigern, was die Natur ihr selber eigens bestimmt hat.“ Auf diese brüske Heraus-Forderung
klingt es durch die Saarbr. Ztg. in Zorn und Empörung zurück: „Daß Frankreich
unserer Kohlen bedarf, das wissen wir schon lange, daß aber die wahre Politik der Eintracht
und des Friedens darin besteht, daß der eine dem anderen gibt, was er bedarf, das ist ein
Grundsatz, der uns als völlig neu erscheint. Wir sind weit entfernt, alle Dummheiten und
Unverschämtheiten, die wegen der „natürlichen Grenze‘ von franz. Libellisten dem deutschen
Volk an den Kopf geschmissen werden, eine Bedeutung zuzumessen, die sie nicht haben und
für Deutschland niemals haben können, aber empörend und beleidigend ist es, fortwährend in
einem Atem die Behauptung zu hören, daß das fragliche rein deutsche. Gebiet durch eine
gehässige Verletzung der Verträge Frankreich entrissen worden und nur durch Mißbrauch der
brutalen Gewalt und durch meineidigen Vertragsbruch Preußen zuerkannt worden sei... Zu
behaupten, eine Gegend gehöre zu Frankreich, die seit dem grauesten Altertum deutsch und