Full text : 1927 (0001)

aber wie könnten wir jenes heilige Bekenntnis von 345 Bürgern vergessen, das nach Waterloo
vom Saarland am 11. Juli 1815 an die Tische der Diplomaten flammt und in dem es heißt:
„Von sämtlichen Einwohnern der Städte Saarbrücken und St. Johann geht nur die eine Stimme
aus: Befreiung von den Franzosen, Wiedervereinigung mit dem Deutschen Vaterlande. Damit
liese Stimme aber nicht ungehört verhalle und unsere tätigen Feinde außerstand gesetzt
werden, auf. dem gewöhnlichen Wege der Schlauheit und Ränke ihr verräterisches Flüstern
zu unserem Verderben geltend zu machen und uns zum zweiten Male das unabsehbare Unglück
der Abtretung an eine fremde Nation und eine etwaige Trennung vom Deutschen Vaterlande
herbeizuführen, so haben sich sämtliche Einwohner dieser Städte aufs feierlichste verbunden,
auf jedem rechtlichen Wege ihre Trennung von Frankreich und ihre Wiedervereinigung mit
Deutschland nachzusuchen und jeder Intrigue gegen den allgemeinen Wunsch und das Interesse
lieser Städte auf das kräftigste entgegenzuwirken.‘‘
Unter unendlichem Jubel wird die Kunde von der Erlösung begrüßt. Der Friedensvertrag
vom 20. November 1815 enthält die Bestimmung, daß die Kantone Saarbrücken, St. Johann,
Saarlouis und Rehlingen von Frankreich an Preußen abzutreten sind. Namen wie Böcking und
Laukhard auf der Seite der Bürgerschaft und der preußische Staatskanzler Fürst Hardenberg
werden noch heute mit Dank genannt, denn diese Vorkämpfer um unsere deutsche Sache
haben besondere Verdienste um die glückliche Lösung. Am 30. November erfolgt bereits die
feierliche Besitznahme des Landes durch die preußischen Behörden. Das Saarbrücker
{ntelligenzblatt nennt jene Stunde in heller Begeisterung den festlichsten und glücklichsten
Tag, der nicht allein eine Erlösung sein soll, sondern eine Auferstehung zu einem neuen Leben

Ruhige Entwicklung unter Preußens Adler.
Die folgenden Jahrzehnte bringen unter Preußens Herrschaft die lang ersehnte Periode
einer friedlichen Entwicklung. Der anfänglich herrschenden Not an Nahrungsmitteln hilft der
Staat ab durch reichliche Kornspenden aus dem fernen Osten. In fleißiger Arbeit geht es
langsam vorwärts. Die Saarländer erkennen die straffe Ordnung und die Gerechtigkeit der
Regierung an und fühlen sich in sicherer Obhut. Nur eine Schwierigkeit stellt sich ein durch
die in Preußen herrschende allgemeine Wehrpflicht. Man sucht sich an dieser, damals noch
recht peinlich empfundenen Sache vorbeizudrücken. So schnell kann man nicht in den engen
preußischen Soldatenrock hineinwachsen. Auskünfte der Bürgermeister, daß verheiratete
Leute nicht zum Militärdienst herangezogen würden, verursachen bösen Wirrwarr, denn wie
sine Epidemie geht ein großes Heiraten durch das Land. Strenge Maßnahmen beenden die
unliebsame Affäre, Die letzte Veröffentlichung in der Presse, die sich hierüber vorfindet,
datiert vom 13. Juni 1823 und lautet: „Auf Vermögens-Confiskation des Kgl. Landgerichts
ist gegen 21 Individuen erkannt worden, welche sich als Widerspenstige der Militärpflicht
entzogen haben.‘ Die Bewohner gewöhnen sich sonst bald an die preußische Art. Kurz und
knapp sind die Bekanntmachungen der Regierung, es fehlt dabei jede überflüssige Floskel,
mit der einst die französischen Unterpräfekten die bitteren Pillen zu versüßen beliebten,
wenn sie selbst nach einer donnernden Standrede an die Herren Maires galant zu schließen
pflegten: „Ich habe die Ehre Sie mit Achtung zu grüßen.“ .
Von einem Wohlstand läßt sich im allgemeinen noch nicht sprechen, Handel und Industrie
wagen sich erst noch recht schüchtern hervor, das Gewerbe erhält sich nur mühsam, die
Bürger treiben Ackerbau und Viehzucht. Unter den geordneten Verhältnissen erwacht aber
wieder die alte frische Lebenslust des Saarvolkes.

1848.

In die stille Beschaulichkeit kleinstädtischen Bürgerlebens bringt das Jahr 1848 mit seinem
befreienden Gewitter auf dem politischen Gebiet einen krassen, unvermuteten Wechsel. Leben
und Bewegung in allen Schichten der Bevölkerung, Kampfeslust und hinreißende Begeisterung
            
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