Full text: 1962 (0090)

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Von Elisabeth Kirdi 
I Geschichte soll sich begeben haben in 
der Zeit, da die Menschen an der Saar meist nur 
auf geheimen Schleichwegen über die Grenze ins 
Pfälzische gelangen konnten. Franz, ein wackerer 
Häuer aus der Homburger Gegend, hatte eine 
Liebste irgendwo auf der Sickinger Höhe. Zum 
letzten Male hatte er sie auf der Kirmes gesehen, 
wo es zum Verspruch kam, und trunken von Liebe 
und Wein hatte er es auf dem Rückweg an der 
nötigen Vorsicht fehlen lassen, war den Grenz» 
streifen in die Hände gefallen, die ihm Gelegen» 
heit gaben, seinen Rausch in Homburg im Arrest 
auszuschlafen. Also gestraft beschloß er, die ge» 
fahrvollen Besuche auf der Sickinger Höhe fürs 
erste einzustellen. Nun schmachtete er in Sehn» 
sucht hinter den Grenzschranken, sein Herz brannte 
vor Verlangen, Marie an die Brust zu drücken. 
Nicht umsonst heißt es, daß Liebe erfinderisch 
macht. Dies erfuhr der gute Franz gar bald an sich 
selbst. Er legte sich einen raffiniert ausgeklügelten 
Plan zurecht, dessen Gelingen ihn bald mit Marie 
und ihrem Kinde zusammenführen würde. Aber 
er benötigte zur Ausführung des Vorhabens zwei 
verschwiegene Kameraden, die mit ihm durch dick 
und dünn zu gehen gewillt waren. 
Froh erschrocken war Marie, als sie von Franz 
außer einem kleinen Liebesgabenpäckchen einen 
Brief erhielt des Inhalts, daß er sie nach Neujahr 
zu sehen hoffe; und in knapper Form bereitete er 
einen Plan vor ihr aus, der Marie in Furcht und 
Staunen, in Entzücken und Zweifel zugleich ver» 
setzte. Noch am gleichen Abend schrieb sie einen 
Brief an ihre Großmutter auf dem Eichelscheider» 
hof und meldete ihren baldigen Besuch an. — 
Der Dreikönigstag war, in wogende Nebel gehüllt, 
ins Tal gestiegen. Graue Wolken zogen am Hirn» 
mel hin und streuten glitzernde Sterne aus Schnee 
über die Saar und das Pfälzerland gleichermaßen. 
Die Zöllner an der Grenze schimpften über das 
kalte Wetter. Philipp, der älteste von ihnen, ein 
Pfälzer aus der Pirmasenser Gegend, machte sei» 
nen Pirschgang zum Eichelscheiderhof auf viel» 
fach verschlungenen Schmugglerpfaden voller Ge» 
fahren und Tücken. Sie erschienen ihm heute zwar 
harmlos in ihrer reinen Weiße und wie verzaubert 
in ihrer glitzernden Pracht. Ein längst verklunge» 
Schritten dort nicht drei Männer, in weiße Gewänder gehüllt, 
und trug nicht der vordere einen Stern . . . ?
	        

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