Full text: 1962 (0090)

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Bäche auf die frischgewachsten Böden tropfen. Wir 
müssen mit Andenkenjägern rechnen, denen es 
Höhepunkt ihres Ausfluges in die Einsamkeit ist, 
Nelken aus unserem Vorgarten mit heimzubringen, 
und endlich mit den Feinschmeckern, die ihre Wa= 
gen stoppen, nur um ein paar Hände voll von un= 
seren einsamkeitsträchtigen Kirschen zu kosten. 
Sie alle, alle verbreiten um unser Haus eine Betrieb= 
samkeit, die es einem mittleren Kolonialwaren* 
laden vergleichbar macht, wo nämlich erstens einer 
dem anderen die Tür in die Hand gibt und zwei* 
tens der Inhaber noch darauf achten muß, daß kei= 
ner der Passanten seine Ausstellungsstücke zur 
Straße hin nur so zum Spaß mitnimmt. Dennoch 
sind sie alle mitsammen weniger aufregend als eine 
kleine Kerntruppe von Freunden, Bekannten, auch 
Unbekannten, die von unserem Umzug in die Ein* 
samkeit gehört haben und nun entschlossen sind, 
sie mit uns zu teilen. Sie kommen meistens mit 
Kindern (wo sollte man auch sonst schon mit Kin* 
dern hingehen) und sind — wie Windelpakete und 
Schulmappen beweisen — für längeren Aufenthalt 
eingerichtet. Sie sind durchweg freundlich und hilfs= 
bereit. So greifen sie gerne mit an, wenn es darum 
geht, die letzten Vorräte aus dem Keller zu ho= 
Icn. Sie sind auch rücksichtsvoll; weil wir bei gutem 
Wetter meistens im Garten arbeiten, halten sie sich 
draußen auf, um uns nicht zu stören. 
Mit Aufmerksamkeit und von unseren Liegestüh* 
len aus sehen sie dann zu, wie wir Beete hacken 
und Unkraut jäten, und sie sagen es offen, daß sie 
fioh sind, keinen Garten zu haben, weil der ja viel* 
zuviel Arbeit macht. Dabei zeigen sie aufrichtiges 
t Interesse für den unsrigen. Es ist ihnen nicht zu* 
viel, nachzusehen, ob unsere Radieschen schon für 
den menschlichen Genuß geeignet sind, und nachzu* 
prüfen, wie lange unsere Rosen sich in (ihren) Va= 
sen halten. 
Meistens bleiben sie bis zum Anbruch der Dunkel* 
heit, damit der weite Weg sich gelohnt hat. Die 
Liegestühle sind uns bei dieser Lebensweise nur 
während gewittriger Schauer oder bei einem Zu* 
ström kühler Meeresluftmassen einmal zu persön* 
lichem Gebrauch überlassen. Dann jedoch haben 
wir gesellschaftliche Verpflichtungen im Innern des 
Hauses. Der Besuch, der uns trotz des schlechten 
Wetters die Einsamkeit vertreiben will, braucht Be* 
wirtung und manches Mal auch ein Nachtlager, weil 
er wegen der gewittrigen Schauer und der kühlen 
Meeresluftmassen nur ungern den langen Heim* 
weg antritt. 
Abgesehen von der Anziehungskraft, die unser ein* 
sames Haus auf Menschen ausübt, konzentriert sich 
die Tierwelt der Umgebung, soweit sie mensch* 
liehen Kontakt sucht, natürlich allein auf uns. So 
hat eine ganze Reihe von Mäusen, Kröten, Spin* 
nen, von fliegendem und krabbelndem Getier den 
Wunsch, fürderhin mit uns zu leben. Für die Schna* 
ken sind wir einzige Zuflucht und tägliches Brot — 
die städtischen Sonntagswanderer geben ja bloß 
Sonderrationen ab. Wir haben längst Fliegenfen* 
ster und besehen demnach das Stückchen Natur, das 
uns soweit hinausgezogen hat, durch grünen Draht. 
Er hat den Vorteil, daß keine Schnake reinkommt, 
den Nachteil, daß keine rauskann. Unter den Ein* 
geschlossenen, Schnaken und uns, der Minderheit, 
entwickelt sich Abend für Abend ein Kampf bis 
aufs Blut, und wir waren schon nahe daran, unse* 
ren gepflegten Rasen als Zeltplatz zu vermieten, 
um die Aufmerksamkeit der Schwärme ein wenig 
abzulenken. 
Wie gesagt — ich erwähne dies alles nur, um einen 
Irrtum aufzuklären. Es könnte ja jemand geben, 
der in die Einsamkeit ziehen wollte um der Einsam* 
keit wegen. Ihm würde ich eher zu einer Wohnung 
im dritten Stock eines Mietshauses raten, in dem 
alle Parteien untereinander im Streit liegen, zu 
einer Wohnung in einem schäbigen Haus, in dem 
selbst die hartnäckigsten Vertreter das unbeleuch* 
tete Treppenhaus fürchten.
	        

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