Full text: 1962 (0090)

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war es doch damals? Draußen fegte ein naß=kalter Wind um die 
Ecken der Häuser, die teils schwer mitgenommen, teils vom Werk sinnloser 
Zerstörung angeschlagen waren. Wo vordem schmucke Häuserfassaden ge= 
standen und Sonnenstrahlen in blanken Scheiben sich gespiegelt hatten, 
gähnten jetzt rauchgeschwärzte Fensterhöhlen, hingen zum Schutz gegen 
Kälte und Regen roh zusammengezimmerte Bretterverschläge oder schmut= 
zige Pappkartons an den demolierten Häuserfronten. Überall Trostlosigkeit, 
Zerstörung, Trümmer. 
In den meisten Wohnungen — wer besaß damals überhaupt noch das, was 
man heute unter einer Wohnung versteht? — sah es nicht viel anders aus. 
Weiß Gott, man durfte schon froh sein, überhaupt noch ein Dach über dem 
Kopf zu haben und vier Wände, die ein Zuhause waren. Ja, so war es damals. 
Das und noch viel mehr haben wir, nachdem uns die Furien einer schreck= 
liehen Zeit jahrelang gehetzt hatten, in den ersten Nachkriegsjahren hun= 
dertfach, tausendfach selbst miterlebt. Da standen die verhärmten, ausge= 
hungerten und frierenden MänneT und Frauen Schlange nach einem Laib 
Brot, einem Eimer voll Kohlen, nach ein paar Zigaretten. Denn: wer in jener 
Zeit der großen Not diese Dinge besaß, der durfte sich glücklich schätzen, 
hatte Aussicht, überleben und sich ein neues Dasein aufbauen zu können. 
Warum diese Rückblende in eine Vergangenheit, die heute bei vielen in 
einer schon fast vergessenen Ferne liegt? Es sollen damit wahrhaftig keine 
alten, glücklicherweise vernarbten Wunden wieder aufgerissen werden. 
Vielmehr soll für einen Augenblick die Erinnerung daran geweckt werden, 
daß in jener Zeit des Hungerns, der Entbehrungen und der Bitternis neben 
dem täglichen Brot die Kohle zu den begehrenswertesten Gütern mensch= 
liehen Daseins wurde. Das Brot, um die Mägen zu füllen und neue Kraft 
zum Anpacken beim schweren Werk des Wiederaufbaus zu geben, die 
Kohle, um die stillstehenden Räder allüberall wieder zum Laufen zu bringen 
und damit die Voraussetzungen zu schaffen, das neu erstehen zu lassen, was 
uns heute als ein längst zur Selbstverständlichkeit gewordener Wohlstand 
auf Schritt und Tritt begegnet.
	        

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