Full text: 1962 (0090)

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große Krieg ausgelöscht und eine Verwirrung 
ohnegleichen gestiftet. Wie durch ein Wunder und 
schneller als er gehofft hatte, fand Sebastian Job 
die 5puren von dem Ort seiner Herkunft. 
Was er hier erfuhr, traf ihn wie ein Blitz. In Bü= 
ehern, Annalen und Urkunden fand er schwarz auf 
weiß, daß er ein Sohn des Grafen de Syn=Sygne 
war, was auf Deutsch nichts anderes als Schwan 
bedeutet. Sein Vater, der Graf, war reich gewesen, 
sehr reich, wie die Grundbücher bezeugten, aber 
eben dies war ihm in jener Zeit des Chaos zum 
Verhängnis geworden. Der Ort wurde im Kriege 
von wilden Horden ausgeraubt, das Schloß nieder« 
gebrannt, Vater und Mutter ermordet, und ihn 
hatten die Landsknechte mitgeschleppt. 
Woche um Woche blieb Sebastian Job im Lütticher 
Land, denn vieles gab es hier noch zu erkunden, 
vieles zu ordnen und aufzuklären. Gemessen an 
der Person seines Vaters, des reichen Grafen de 
Syn, kam sich Sebastian Job, der biedere Tuch« 
macher aus St. Wendel recht klein vor. Oft über« 
kamen ihn Freude und Stolz, wenn er den Blick 
über die fruchtstrotzenden Felder, über die weiten 
Wiesen des Lütticher Landes hinschweifen ließ, 
und bedachte, daß dies alles, Land und Leute, sei« 
nem Vater, dem Grafen de Syn gehört hatte, und 
er der Erbe der Herrschaft war. Längst hatte er die 
Urkunde, die dies bestätigte, in Händen. 
Es erschien ihm fast wie ein Wunder, daß es gar« 
nicht einmal so schwer gewesen war, die Würde 
des Grafen für seine Person zu erlangen. Er wurde 
von unzähligen Leuten des Lütticher Landes ohne« 
hin als solcher erkannt, so groß war die Ähnlich« 
keit mit seinem Vater. Und die Alten begannen 
von den Zeiten zu erzählen, da die de Syn noch als 
die Herren hier saßen. 
„Euer Vater, Herr Graf", versicherten sie, „war 
ein nobler Herr, streng und gerecht, und Eure 
Mutter, die Gräfin, war die beste Frau weit und 
breit." — „Und sie war blond und schön, nicht 
wahr?", warf Sebastian Job dazwischen und lä= 
chelte. 
„Ja, Herr Graf, und so schlank und fein wie die 
Madonna in unserer Kirche. Aber woher wißt Ihr 
so gut Bescheid über Eure Frau Mutter, Herr Graf,", 
fragten sie verwundert, „wo Ihr sie doch kaum ge« 
kannt habt und alles schon so lange her ist?" — „Ach, 
ich dachte mir's nur", sagte Sebastian Job nur und 
lächelte. 
Eines Tages nun, als er in Lüttich durch das Mu 
seum schritt, stand er plötzlich vor dem Bildnis 
einer jungen blonden Frau, die ihm merkwürdig 
bekannt vorkam. Er fühlte, wie bei ihrem Anblick 
sein Herz rascher schlug. Was er ahnte und bereits 
wußte, wurde ihm zur frohen Gewißheit. ,,Ma» 
dame Charlotte de Syn 1635" stand rechts unten in 
Daß Sebastian Schwan sich nun ein stattliches Haus kaufte, 
fand man ganz in der Ordnung . . . 
verschnörkelter Schrift zu lesen. Dies also war 
seine Mutter, diese lächelnde blondhaarige Frau 
mit den feinen Zügen, aus denen Güte des Herzens 
und Anmut des Geistes sprachen. 
Indes er pich in das lächelnde Antlitz vertiefte und 
Zug um Zug seinem Gedächtnis einprägte, erschien 
vor seinen Augen ein anderes Bild, das seines Wei« 
bes, das diesem hier so seltsam ähnlich war. Er er 
schrak fast, als er feststellte. Und nun wußte er mit 
einem Male, warum er gerade sie unter allen an« 
dern Mädchen des Städtchens erwählt hatte. 
Woche um Woche noch blieb Sebastian Job im 
Lütticher Land. Er kämpfte einen harten Kampf, 
wenn er sich die Frage vorlegte, wie er sein Lebens« 
schifflein, das so ganz aus der Bahn geraten war, 
weiter lenken sollte. Sollte er als Graf und als Herr 
von St. Job die Herrschaft antreten oder sollte er in 
das Städtchen St. Wendel zurückkehren und dort 
seine Rolle als biederer Tuchmacher weiter spielen? 
Was verband ihn im Grunde mit dem Lütticher 
Land, so fragte er sich; doch nichts als ein paar 
blasse Erinnerungen und das Frauenbildnis im Mu 
seum zu Lüttich. Aber an der Saar hatte er Wurzeln 
geschlagen, dort war er dem wilden Landsknechts« 
leben entronnen, dort war er zum Manne gereift, 
dort hatte er seinen Lebensinhalt gefunden. Dort 
wartete seine Eheliebste auf ihn, die schönste Frau, 
die es für ihn auf dieser Welt gab. Das kleine Städt«
	        
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