Full text: 1961 (0089)

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blick selbst für einen so gewaltigen Felsen wie 
Manhattan=Island der Belastungshöhepunkt über= 
schritten ist und die Katastrophe beginnt. Doch die 
Ingenieure und Architekten sind manchmal Opti= 
misten, sie stellten eine Gegenrechnung auf und 
behaupteten nun, daß man, wenn ein Wolken= 
kratzer gebaut werde, bei der Ausschachtung grö= 
ßere Mengen an Erde und Steinen gewichtsmäßig 
entferne, als nachher das Gebäude in Stahlbeton 
ausmache. Es fragt sich nur, ob der Felsen von 
Manhattan=Island diese Rechnung zur Kenntnis 
nimmt und gutheißt. 
„Traum von Venedig" dem Untergang geweiht 
Jeder weiß, daß die vielbesungene und roman* 
tischste Stadt aller Städte, Venedig, auf Baum* 
Stämmen ruht, die im Laufe der Jahrhunderte als 
Grundlagen für alte venezianische Paläste in den 
Boden gerammt wurden. Jahre hindurch, während 
Jahrhunderten bewährten sie sich. Aber Luft und 
Bakterien sorgten für den Verfall. 
3 000 Paläste, Denkmäler und Häuser und Bau= 
werke aller Art schweben in Gefahr, in die Kanäle 
hineinzustürzen oder neben den Kanälen zu ver* 
sinken. Es gibt kaum ein Gebäude mit einer ganz 
geraden Wand. Stufen, die vor einigen Jahrzehnten 
noch vom Ufer ins Wasser führten, sind längst 
vom Wasser überschwemmt. 
Dieses Versinken von Venedig wird in Zukunft 
immer rascher vor sich gehen. Wenn nicht Hun= 
derte von Millionen Lire für ein großzügiges Ret= 
tungsprogramm zur Verfügung gestellt werden — 
und woher soll diese Summe kommen? —, dann 
ist Venedig in hundert Jahren nur noch ein 
Trümmerhaufen. Das ist die Meinung der Exper* 
ten. Diese wunderbare und einmalige Stadt wurde 
für ihre Zeit, nicht aber für die Zukunft gebaut! 
Weit zahlreicher als ganze Städte sind natürlich 
einzelne Gebäude, bei welchen die große Ka= 
tastrophe eines Tages nicht mehr aufzuhalten ist. 
Das berühmteste Beispiel ist der Turm von Pisa, 
der über fünf Meter aus der Geraden in die Schräg* 
läge gesunken ist und der trotz aller Beton= 
spritzen, die man dem Fundament verpaßt, auf 
lange Sicht kaum noch zu retten sein dürfte. 
Vom „Weißen Haus" zum „Tempel der Liebe" 
Das Weiße Haus in Washington, die Wohnung 
der Präsidenten der USA, zeigte vor einigen Jah= 
ren so starke Risse in den Wänden und ein so 
gefährliches Absinken durch Nachgeben im Unter= 
bau, daß eine riesige Stahlkonstruktion eingezo* 
gen werden mußte, um aus sentimentalen und 
historischen Gründen das Weiße Haus zu retten. 
Das Washington=Denkmal, ein Koloß von 165 m 
Höhe, wurde in der Konstruktion im Jahre 1848 
begonnen, bei 45 m war das Geld ausgegangen. 
Schon als man 1873 weiterbaute, zeigte sich, daß 
die Basis bereits auf einer Seite nachgab. Was 
damals mühsam mit Zement ausgebessert wurde, 
wird eines Tages gefährlicher als heute zutage* 
treten und das Monument in sich zusammenfallen 
lassen. 
Die berühmte Westminster Kathedrale, das Mün= 
ster von Straßburg, der Dom von Beauvais sind — 
wenn auch nicht von heute auf morgen — von dem 
gleichen Schicksal der Vernichtung, des Zusammen= 
bruchs, des Versinkens im Boden bedroht. Der 
berühmte „Tempel der Liebe", das Bauwerk aus 
weißem Marmor, Tadj Mahal bei Agra in Paki= 
stan, zeigt neuerdings gefährliche Risse und bau= 
liehe Verschiebungen, die erkennen lassen, daß 
auch die indische Halbinsel das Schicksal des ewi* 
gen Vergehens und Verfalles für alles das erlebt, 
was Menschenhand zu schaffen imstande ist. 
Aber selbst wenn man mit den raffiniertesten 
Methoden modernster Ingenieurkunst vorgeht, 
muß man nach Ablauf einer gewissen Zeit re= 
gistrieren, daß alles auf dieser Erde lebt und sich 
bewegt und sich verändert und altert. Das Empire 
State Building, eine Konstruktion, die 1930/31 voll* 
endet wurde, wurde zweifellos mit dem allerbesten 
und stärksten Material errichtet und immer wieder 
in der Stabilität und im Unterbau kontrolliert. In 
den 30 Jahren, die nun das Empire State Building 
benutzt wird, hat sich der Boden unter dem gewal* 
tigen Baukoloß um bereits 1,2 cm gesenkt. Man 
wird sagen, daß ein solches Absinken lächerlich 
wenig sei. Aber den Ingenieuren wurde heiß und 
kalt, als sie von diesen Vorgängen erfuhren und 
die gemachten Feststellungen allen Kontroll* 
berechnungen standhielten. 
Es wäre leichtfertig zu behaupten, daß nur die 
Fehler der Bauingenieure, der Architekten undBau= 
meister einer lang zurückliegenden Vergangen 
heit schuld seien an den Katastrophen, die sich am 
Horizont der Zukunft abzeichnen. 
Immerhin hat man aus den Fehlern der Vergangen* 
heit schon einige Lehren gezogen: Immer mehr 
sind die Architekten und Ingenieure fest entschlos* 
sen, die Städte der Zukunft nicht mehr aus Zu* 
sammenballungen von Steinen, als Steinwüsten, zu 
konstruieren. Man will die Städte weit ausein= 
anderziehen, den Menschen Luft und Licht und viel 
grüne Natur geben. Für diese Städte, für diese 
Häuser brauchen wir nicht zu fürchten. Sie wer= 
den der Mutter Erde keine Last sein. Diese Städte 
werden wahrscheinlich noch weiterleben, wenn 
unter den Baukolossen einer fernen Vergangen* 
heit oder Gegenwart die Erde nachgibt. Für die 
Ewigkeit bauen, wie es so oft in schönen Reden 
heißt, wird der Menschenhand wohl immer versagt 
bleiben.
	        
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