Full text: 1961 (0089)

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Anführer? Da traf ihn der aufmunternde Blick 
seines Weibes, und alle Teufel warfen in diesem 
Augenblick den Herrgott aus der Brust des 
Schmiedes hinaus. 
Indem traten die Bauern heran und taten ihr 
Werk, zu dem sie der Geselle schon vorher be= 
fohlen hatte. 
„Schmied, sei überzeugt, wir tun ein gottgefällig 
Werk! Hör zu, was wir beschlossen haben! 
Zum ersten begehren und wollen wir, daß uns das 
heilig Evangelium und Wort Gottes klar und lau» 
ter, unverdunkelt wissend gemacht werde. 
Item zum andern: daß wir unsere Pfarrherren, wie 
der heilige Paulus uns anzeigt, mit Nahrung ge» 
nugsam versehen wollen. 
Item zum dritten: daß wir alle, so also unsere 
Pfarrherren und Unterweiser sind, selber mit un= 
serer Gemeinde bestellen, setzen und entsetzen 
Macht haben sollen." 
Der Schmied hörte die Forderungen der Bauern 
wie ein dumpfes Geräusch, das von weit her an 
seine Ohren drang. Unbeweglich und schweigend 
stand er da. In seinem Herzen aber tobte der 
Sturm: wollte sein Weib haben, daß er den An» 
führer der Bauern mache? Dann doch nur, um 
stolz auf ihn zu sein! Ja, das war es: sein Weib 
wollte einen stolzen, kampfbewährten Mann! 
Mit einem Male hörte er aufmerksamer den Won 
ten zu, die die Bauern hervorsprudelten: „Item 
zum zwölften und letzten: Nachdem der rechte 
Zehnt aufgesetzt ist im Alten Testament, wollen 
wir ihn geben. Den kleinen Zehnten als menschlich 
Zusatz aber nit. — Mag man nun unsre Artikel 
nach Gottes Wort und Schrift prüfen, man wird sie 
nicht unziemlich finden." 
Schweigen lag über den Menschen. Es war ein 
Schweigen, hinter dem gespannte Erwartung 
lauerte. Der Geselle löste die Spannung, indem 
er zu dem Schmiede hintrat und ihn beschwörend 
ansah. Leise, aber jedes Wort betonend, sprach er: 
„Es hat sich im vergangenen Sommer um Marga» 
rethe herum in Hungern (Ungarn), jenseits von 
dem Markt Zichsa an dem Fluß Theiß, dies Wun= 
der zugetragen, daß daselbst in vieler Menschen 
Leibe Nattern und Eidechsen nach ihrer recht» 
schaffenen Art gewachsen und benommen, davon 
in ihrem Leibe solche Pein, Qual und Marter ent» 
standen, daß sie von Schmerzen und Ängsten nicht 
gewißt, wo ein oder aus, daß sie zur Erden gefal» 
len, und wann sie an der Sonnen gelegen, sein die 
Nattern und Eidechsen zum Halse eines Teiles 
herfür kommen und alsbald wieder erhinder» 
krochen und die Menschen also gemartert und ge» 
kränket, daß sie endlich den Tod davon haben 
mußten." 
Der Schmied hatte mit Entsetzen zugehört. Kam 
seine Frau nicht auch aus der ungarischen Gegend? 
Er wandte seinen Blick von dem Gesellen ab und 
schaute zu seiner Frau hin, die ihn unverwandt an» 
starrte. Es war, als würde eine Schlange ihr Opfer 
hypnotisieren. Da gab der Schmied jeden Willen 
auf und ließ sich ohne Gegenwehr von den wei» 
teren Worten des Gesellen gefangennehmen. 
„Daselbst im Lande wohnet ein reicher Edelmann, 
der sehr viel Weizen gebauet. Wie er nun bald 
nach der Ernte seinen armen Leuten Befehl getan, 
daß sie in einem großen Schober Weizen sollten 
ausdreschen, so gehen sie hin und wollen dem Be» 
fehl nach den Weizen anheben zu dreschen. Wie 
sie nun die Garben herausziehen, so finden sie im 
Stroh viele junge Nattern. Haben sie am andern 
Ort versucht, ist es auch also von diesen Würmern 
befunden. Des haben sich die Bauern verwundert, 
zeigen's ihrem Junker an, daß ihm, so er's hört, 
unglaublich vorkömmet, gehet selbst hin, solchs 
zu besehen. Da er hin kommt, heißt er seine arme 
Leut, die Garben herauszuziehen. Wie sie nun die 
herfür brachten, seind unzählig viele Nattern ge= 
funden. Darüber ist der Edelmann erschrocken und 
gesaget: ,Ich merk, daß es eine Straf von Gott ist.' 
Zu oberst auf dem Schober ist eine große Natter 
mit aufgerichtem Haupt herfür kommen und hat 
diese nachfolgende Wort in menschlicher Sprache 
geredt: ,Ihr sollt von eurem Vornehmen ablassen. 
Mit Feuer werdet ihr uns nicht verbrennen. Wir 
sein nit von uns selbst gewachsen und herkom» 
men, sondern sein eine Strafe von Gott um der 
großen Sünde willen hieher gesandt...'" 
Der Geselle ließ dem Schmied, der sich mit beiden 
Händen an der Tischkante festhielt, keinen Augen» 
blick der Besinnung. Er versetzte seinem Meister 
mit scharfer Stimme den letzten Stoß: „Und wer, 
frage ich, hat die großen Sünden begangen? Die 
Herren in den Schlössern und in den Klöstern! 
Darum sollen sie vernichtet werden! Und du, 
Schmied, sollst das Werkzeug Gottes für diese 
Tat sein!" 
Noch ehe der Schmied antworten konnte, trat sein 
Weib zu ihm hin, umarmte ihn und küßte ihn vor 
aller Augen. Dann brüllte der Schmied in die 
Stube hinein: „Jawohl, ich will euer Anführer sein! 
Tod den Herren!" „Tod den Herren!" jauchzten 
die Bauern und griffen nach den Händen des 
Schmieds, um ihm zu danken. Er aber legte den 
Zunächststehenden seine riesigen Arme um die 
Schultern und drängte sich mit ihnen zur Türe 
hinaus. Die anderen folgten nach. Nur das Weib 
und der Geselle blieben zurück. Und dieses Mal 
war es der Geselle, der zuerst das Weib anblickte. 
In beider Augen hohnlachten Spott und Ver» 
achtung. 
Der Bauernhaufen hatte Zulauf aus dem Lothrin»
	        
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