135
Anführer? Da traf ihn der aufmunternde Blick
seines Weibes, und alle Teufel warfen in diesem
Augenblick den Herrgott aus der Brust des
Schmiedes hinaus.
Indem traten die Bauern heran und taten ihr
Werk, zu dem sie der Geselle schon vorher be=
fohlen hatte.
„Schmied, sei überzeugt, wir tun ein gottgefällig
Werk! Hör zu, was wir beschlossen haben!
Zum ersten begehren und wollen wir, daß uns das
heilig Evangelium und Wort Gottes klar und lau»
ter, unverdunkelt wissend gemacht werde.
Item zum andern: daß wir unsere Pfarrherren, wie
der heilige Paulus uns anzeigt, mit Nahrung ge»
nugsam versehen wollen.
Item zum dritten: daß wir alle, so also unsere
Pfarrherren und Unterweiser sind, selber mit un=
serer Gemeinde bestellen, setzen und entsetzen
Macht haben sollen."
Der Schmied hörte die Forderungen der Bauern
wie ein dumpfes Geräusch, das von weit her an
seine Ohren drang. Unbeweglich und schweigend
stand er da. In seinem Herzen aber tobte der
Sturm: wollte sein Weib haben, daß er den An»
führer der Bauern mache? Dann doch nur, um
stolz auf ihn zu sein! Ja, das war es: sein Weib
wollte einen stolzen, kampfbewährten Mann!
Mit einem Male hörte er aufmerksamer den Won
ten zu, die die Bauern hervorsprudelten: „Item
zum zwölften und letzten: Nachdem der rechte
Zehnt aufgesetzt ist im Alten Testament, wollen
wir ihn geben. Den kleinen Zehnten als menschlich
Zusatz aber nit. — Mag man nun unsre Artikel
nach Gottes Wort und Schrift prüfen, man wird sie
nicht unziemlich finden."
Schweigen lag über den Menschen. Es war ein
Schweigen, hinter dem gespannte Erwartung
lauerte. Der Geselle löste die Spannung, indem
er zu dem Schmiede hintrat und ihn beschwörend
ansah. Leise, aber jedes Wort betonend, sprach er:
„Es hat sich im vergangenen Sommer um Marga»
rethe herum in Hungern (Ungarn), jenseits von
dem Markt Zichsa an dem Fluß Theiß, dies Wun=
der zugetragen, daß daselbst in vieler Menschen
Leibe Nattern und Eidechsen nach ihrer recht»
schaffenen Art gewachsen und benommen, davon
in ihrem Leibe solche Pein, Qual und Marter ent»
standen, daß sie von Schmerzen und Ängsten nicht
gewißt, wo ein oder aus, daß sie zur Erden gefal»
len, und wann sie an der Sonnen gelegen, sein die
Nattern und Eidechsen zum Halse eines Teiles
herfür kommen und alsbald wieder erhinder»
krochen und die Menschen also gemartert und ge»
kränket, daß sie endlich den Tod davon haben
mußten."
Der Schmied hatte mit Entsetzen zugehört. Kam
seine Frau nicht auch aus der ungarischen Gegend?
Er wandte seinen Blick von dem Gesellen ab und
schaute zu seiner Frau hin, die ihn unverwandt an»
starrte. Es war, als würde eine Schlange ihr Opfer
hypnotisieren. Da gab der Schmied jeden Willen
auf und ließ sich ohne Gegenwehr von den wei»
teren Worten des Gesellen gefangennehmen.
„Daselbst im Lande wohnet ein reicher Edelmann,
der sehr viel Weizen gebauet. Wie er nun bald
nach der Ernte seinen armen Leuten Befehl getan,
daß sie in einem großen Schober Weizen sollten
ausdreschen, so gehen sie hin und wollen dem Be»
fehl nach den Weizen anheben zu dreschen. Wie
sie nun die Garben herausziehen, so finden sie im
Stroh viele junge Nattern. Haben sie am andern
Ort versucht, ist es auch also von diesen Würmern
befunden. Des haben sich die Bauern verwundert,
zeigen's ihrem Junker an, daß ihm, so er's hört,
unglaublich vorkömmet, gehet selbst hin, solchs
zu besehen. Da er hin kommt, heißt er seine arme
Leut, die Garben herauszuziehen. Wie sie nun die
herfür brachten, seind unzählig viele Nattern ge=
funden. Darüber ist der Edelmann erschrocken und
gesaget: ,Ich merk, daß es eine Straf von Gott ist.'
Zu oberst auf dem Schober ist eine große Natter
mit aufgerichtem Haupt herfür kommen und hat
diese nachfolgende Wort in menschlicher Sprache
geredt: ,Ihr sollt von eurem Vornehmen ablassen.
Mit Feuer werdet ihr uns nicht verbrennen. Wir
sein nit von uns selbst gewachsen und herkom»
men, sondern sein eine Strafe von Gott um der
großen Sünde willen hieher gesandt...'"
Der Geselle ließ dem Schmied, der sich mit beiden
Händen an der Tischkante festhielt, keinen Augen»
blick der Besinnung. Er versetzte seinem Meister
mit scharfer Stimme den letzten Stoß: „Und wer,
frage ich, hat die großen Sünden begangen? Die
Herren in den Schlössern und in den Klöstern!
Darum sollen sie vernichtet werden! Und du,
Schmied, sollst das Werkzeug Gottes für diese
Tat sein!"
Noch ehe der Schmied antworten konnte, trat sein
Weib zu ihm hin, umarmte ihn und küßte ihn vor
aller Augen. Dann brüllte der Schmied in die
Stube hinein: „Jawohl, ich will euer Anführer sein!
Tod den Herren!" „Tod den Herren!" jauchzten
die Bauern und griffen nach den Händen des
Schmieds, um ihm zu danken. Er aber legte den
Zunächststehenden seine riesigen Arme um die
Schultern und drängte sich mit ihnen zur Türe
hinaus. Die anderen folgten nach. Nur das Weib
und der Geselle blieben zurück. Und dieses Mal
war es der Geselle, der zuerst das Weib anblickte.
In beider Augen hohnlachten Spott und Ver»
achtung.
Der Bauernhaufen hatte Zulauf aus dem Lothrin»