Full text: 1961 (0089)

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PORTRÄT EINER i^^ANDSCHAFT 
VON 
ALFRED 
PETTO 
V/ hinter meinem Haus am Stadtrand von Saarbrücken steigt der Schwär» 
zenberg empor. Jetzt schimmern die Buchen im lichten Grün des Sommers, der 
Weißdorn ist verblüht, aus den Fichten und Akazien lockt die Nachtigall. Das 
Gedudel der vielen Amseln und das Gekeife der Eichelhäher dringt bis in meine 
Stube. Aus der Stadt herauf der Widerhall einer hektischen, unermüdlichen Ge= 
schäftigkeit. Rauch lagert in einer bräunlichen Schicht über den Dächern, an 
manchen Tagen rieseln die schwarzen Rußklümpchen aus den tieffliegenden 
nassen Wolken. 
Der Rundblick vom Aussichtsturm auf der Waldhöhe öffnet die Landschaft um 
die Weite einer Stundenfahrt mit dem Wagen. Zu Füßen liegt die Stadt, aus= 
gebreitet in einem weiträumigen Tal, das die Saar in einem nach Norden gezo= 
genen Knick durchfließt. Anfang und Ende dieses Bogens markieren zwei Hütten» 
werke, die Haiberger Hütte und die Burbacher Hütte. Die Markzeichen stehen 
als schmutzige Rauchfahnen im blanken Himmel, die Sonne changiert in einem 
häßlichen Rotbraun, aus den hohen Kaminen quillt es schwarz, giftgelb oder 
weiß und ergießt sich über die Stadt bis in das Grün der bewaldeten Hügel, die 
das Saartal umsäumen. 
Anders hingegen das Bild nach Süden hin und Norden. Hier herrscht das sanfte 
Gesetz der Wälder, das Auge weitet sich im Anblick der weiten Flächen aus 
Grün, an den leichtgewellten Flanken der Hügel und Feldgehölze und freien 
Ackertafeln. Hier weiden noch Schafherden, ziehen die blinkenden Pflugscharen 
durch die speckige, fruchtbare Erde. Hüh und Hott schallen über die stillen Fluren, 
wie weltverloren liegen die kleinen Dörfer in geschützten Mulden. Habichte und 
Bussarde stehen rüttelnd über den Waldwiesen, und an manchen Sonntagen 
kann man auf steinigen Bittwegen frommen Wallfahrern begegnen, die betend 
zur Gnadenkapelle ziehen. 
Nach Norden hin liegt Dudweiler, ein altes Bergmannsdorf von Kleinstadtgröße. 
Nackte, urgesteinhafte Bergehalden erheben sich aus dem Schoß der Wälder, die 
Gerippe der Fördertürme mit ihren sausenden Rädern zeichnen ihre Geometrie 
an den dunstigen Horizont. Aber dahinter und bis in die silbrige Ferne nur 
Wald und immer nur Wald. Vieles von der Struktur des Landes ist schon neben» 
einander in dieser Sicht: die Stadt, die Dörfer, die Hüttenindustrie, die Kohlen» 
gruben, die Landwirtschaft. Es fehlen auch nicht die Zeichen des Geistes: vor 
uns, auf einer aus dem Wald herausgeschlagenen Blöße der weiße Gebäudekom» 
plex der Universität, ehedem Kaserne, jetzt umgebildet und ergänzt durch die 
Kuben moderner Hochbauten. Auf der anderen Seite die im dreizehnten Jahr» 
hundert erbaute Stiftskirche, eines der bedeutendsten Kunstbauwerke von Saar» 
brücken. Die Türme der Stadt allein offenbaren schon den Stilwandel von der 
frühen Gotik bis zur zeitgenössischen Baugestalt. 
Sehr viel anders der Blick von jener anderen Aussicht, dem Schaumberg bei 
Tholey. Hier im Vorland des sogenannten Schwarzwälder Hochwaldes reine 
Landwirtschaft: die Gebreite der roterdigen Felder und grünen Wiesen auf den 
sonnigen Höhenrücken, ansprechende Dörfer mit roten Ziegeldächern, und wie» 
derum Wald. Darüber der ungetrübte, klare Himmel. Hier sucht man vergeblich 
nach Werkhallen, Kohlenwäschen, Fördertürmen. Das Gezwitscher der Vögel ist 
noch nicht verstummt vor dem kreischenden Getöse der Industrie, und die reine 
Luft ist eine einzige zärtliche Liebkosung.
	        

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