Full text: 1960 (0088)

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Wo war die Zeit, da man ordnungsmäßig ein La» 
ger beziehen konnte, in dem jedem Regiment und 
jedem Fähnlein sein Platz abgesteckt war, wo die 
Fahne des Regiments über den Zelten flatterte, 
wo rings um das Lager Graben und Wall sich zo= 
gen, bestückt mit Viertel= und Achtelkartaunen? 
Vorbei, verweht! Räuber und Marodeure waren 
sie geworden, die nur noch um ihrer leiblichen 
Notdurft willen Krieg führten. Potz, Donner und 
Doria! Das war nicht mehr zum Aushalten! 
Geschrei kam auf, wurde stärker und umbrandete 
schließlich die Hütten. Die Schweden waren längst 
aufgesprungen und erwarteten kampfbereit den 
Feind. Doch waren's nur die Troßbuben und die 
Weiber, die aus allen Richtungen schreiend heran= 
liefen und, verquer redend, frohe und schlimme 
Kunde zugleich brachten. 
Die einen, die gen Osten geschickt worden waren, 
berichteten sabbernden Mundes, daß sie in dieser 
Richtung Dörfer ausgemacht hätten, in denen noch 
fast alle Häuser heil wären. 
In den Jubel über diese Kunde drangen die Be» 
richte der anderen, die gen Westen geschickt wor» 
den waren, über das Herannahen einer Soldateska. 
Ob's Freund oder Feind wäre, hätte man in der 
Eile nicht ausmachen können. 
Mitten in den lauten Überlegungen, ob man sofort 
in das Paradies der drei Dörfer aufbrechen oder 
besser den Trupp fremder Soldaten abwarten 
solle, tauchte dieser Trupp zwischen den Bäumen 
auf. So wie Wildtiere, die beim ersten Anzeichen 
einer Gefahr stutzen und lauernd verhalten, stan= 
den sich in diesem Augenblick die Soldaten gegen» 
über. Sei es, daß unter den schmutzigen Lumpen, 
die sie fast alle trugen, das eine oder andere Kenn» 
Zeichen deutlich sichtbar war, genug, sie hatten sich 
gleich als Schweden und Franzosen, also als 
Freunde, ausgemacht. 
Die Franzosen waren von den Kaiserlichen aus 
Mainz herausgehauen worden und als Versprengte 
über den ganzen Hunsrück geirrt und beinahe in 
die Hände der Spanier gefallen, die bei Trier stan» 
den und um jeden Franzosenhals verteufelt gerne 
einen Strick legten. 
Ihnen gerinne jetzt noch das Blut in den Adern, 
wenn sie der Nacht vom 25. auf den 26. März die» 
ses Jahres gedächten, als die Spanier von Luxem» 
bürg her in Trier eindrangen und den Franzosen 
in einem Blutbad arg zusetzten. Nur wenige von 
ihnen wären damals nach Mainz entkommen, und 
jetzt hätten sie auch von dort flüchten müssen. Im 
übrigen wären sie hungrig wie Wölfe und willens 
wie diese, alles zu reißen, was ihnen in die Finger 
geriete. 
Die Schweden sahen mit einem lachenden und 
einem weinenden Auge zu, wie sich ihre neuen 
Genossen bereitmachten, mit gen Osten in die 
Dörfer zu ziehen. Sicherlich, die Schwerter und 
Musketen der Franzosen waren ihnen willkom» 
men, aber der gierigen Hände waren mehr als 
genug, die da in den Ortschaften voraus raffen und 
rauben wollten. 
Schnell hatte sich ein leidlich kriegsmäßiger Zug 
gebildet. Vornweg die Späher, dann die Offiziere, 
dann die endlose Schlange der gewöhnlichen Sol» 
dateska, zum Schluß dann der Troß. 
Fast jeder der Schweden hatte eine Frau beim 
Troß, die für ihn buk, kochte, wäschte, die ihn 
pflegte, wenn er verwundet war, die auf die Beute» 
Sachen aufpaßte wie ein wütender Wachhund. Mit 
den Frauen zogen die Kinder. Die größeren unter 
ihnen hatten schon Gefechte mitgemacht, und in 
den Lagerschulen, deren strenge Zucht einst der 
König Gustav Adolf eingeführt hatte, war es oft 
vorgekommen, daß auch eingeschlagene Kanonen» 
kugeln sie nicht aus den Bänken treiben konnten. 
Ein hartes Geschlecht, das sich selbst und anderen 
nichts schenkte. 
Mit einem Male lag das Dorf vor ihnen. Mitten 
auf einem Hügel die Kirche, und drum herum, 
wie die Küken um die Henne, lagerten sich die 
Häuser. Heile Häuser! Nichts von Brandschutt und 
verkohltem Gebälk! 
Mit Jubelgeschrei rasten die Schweden und Fran» 
zosen, rasten Männer, Weiber und Kinder auf die 
Häuser zu. Beim Rauben, Plündern, Morden und 
Schänden erfuhren sic dann, daß das Dorf Losheim 
hieß und daß noch weitere Dörfer ostwärts liegen 
würden. Die Kirche und die Häuser brannten bald 
wie Fackeln. Die Schweden hatten ihre Freude da» 
ran, denn die Flammen spendeten Wärme und 
leckten alles auf, was den kaiserlichen Horden des 
Callas hätte dienlich sein können. 
//. Der mörderische Hauptteil 
Die Kunde vom Durchzug der Schweden und 
Kaiserlichen hatte die Bewohner von Nunkirchen 
in den Zustand einer hastigen Betriebsamkeit ver» 
setzt. Als sei ihnen die Gabe der Feldherrnkunst 
zu eigen, wußten sie genau, daß die feindlichen 
Soldatenvölker der Schweden und Franzosen den 
Weg durch das Primstal nehmen mußten, um dann 
dem Lauf der Nied folgend, einigermaßen unge» 
fährdet französischen Boden zu erreichen. Jeden 
anderen Weg hatten ihnen die kaiserlichen Trup» 
per verlegt. 
So hatten denn die Bewohner alle Habe, die sie 
mitzunehmen gedachten, vorsorglich verpackt, daß 
sie auf einen Zuruf hin sofort aufgenommen wer» 
den konnte. Für das Vieh hatte man ebenfalls 
schon vorgesorgt. Im längst vorbereiteten Versteck 
im tiefen Wald der „Hackenbach" konnten Mensch
	        

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