Full text: 1958 (0086)

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schreckt und zurechtgewiesen. Dieser Art be 
gegnet uns also der im Grunde gute Geist als 
Erzieher, Warner und Berater. 
Einer von jenen, die den Hohberger schon 
mehr als einmal sahen und auf seinen Schutz 
und seine Hilfe heimlich bauten und hofften, 
war unter vielen anderen Püttlinger Knappen 
der Vetter Hannes. Er hatte ein braves, recht 
schaffenes Weib daheim und viele hungrige Kin 
der, für die er sich Jahr und Tag im tiefen 
Schacht abrackerte. Er blieb aber arm. 
Einst mußte er mal wieder mit seinem Schlep 
per auf die Nachtschicht fahren. Der Schlepper, 
dem die Nachtschicht verhaßt war, blieb jedoch 
zu Hause, um im Stall und auf dem Felde zu hel 
fen. Da mußte der Vetter Hannes beispringen 
und seine mühsam hereingewonnene Kohle auch 
noch selber schleppen, was damals eine recht 
müselige Arbeit war. Auf hölzernen Schlitten 
wurden die Kohlen durch lange niedrige Strek- 
ken gezogen und geschoben, also geschleppt, 
und dann durch den Stollen bis an Tag gebracht. 
Gegen Mitternacht mußte Vetter Hannes mit 
ten in der stickig-warmen Strecke einmal län 
gere Zeit verschnaufen; vor Überanstrengung 
konnte er beim besten Willen nicht mehr. Müde 
und unbeweglich lag er hinter seinem Kohlen 
schlitten, und abei schlief er ein. Als er auf 
schreckend wieder erwachte, stand der Berggeist 
vor ihm. Weiß glänzte sein Bart im güldenen 
Schein der Lampe. Sanft berührte er den Vetter 
Hannes mit seinem goldenen Bergstock, worauf 
der anfänglich zu Tode erschrockene Knappe 
sich gar nicht mehr fürchtete. 
Endlich sagte der Bergeist: „Folge mir!" und 
Vetter Hannes ging mit. Der Bergeist wanderte 
tief unter den Hohberg hinein, durch Gänge und 
Strecken, die Vetter Hannes noch niemals ge 
schaut hatte. Kein Wort wurde gewechselt, nur 
die Schritte hallten dumpf durch die Gänge. All 
mählich aber merkte Vetter Hannes, daß es hel 
ler wurde, so, als ginge es auf der anderen Hoh 
bergseite auf die Raht hinunter und heimwärts. 
Die Kohlen aber erglänzten plötzlich silbern und 
auf einmal weitete sich der Stollen zu einem gro 
ßen, unterirdischen Saal. Die mächtigen Wände 
waren von purem Golde und mannshoch lagen 
Gold- und Silberbarren rundum hochgestapelt. 
Zwischen den Stapeln schafften ungezählte 
Männlein in kleineren Nebenstollen und Nischen 
mit goldenem Gezähe. Sie gruben immerfort 
Gold und Edelsteine und trieben unermüdlich 
kleine Stollen und Gänge in den Berg. Das 
klang, als läuten alle Glocken im Köllertal, und 
der Vetter Hannes konnte nur lauschen und er 
staunt dreinblicken. An der Stirnwand des Saa 
les stand der goldene Thron des Berggeistes, auf 
dem sich der Hohberger behutsam niederließ. 
„Goldstücke und Silbertaler — ach, das viele 
Geld..." sinnierte der arme Knappe und er 
dachte seufzend an seine hungrigen Kinder da 
heim. 
Diese Gedanken mußte der Hohberger wohl er 
raten haben, denn er sagte feierlich und gütig: 
„Nimm dir davon, soviel du willst und tragen 
kannst; dein Fleiß und dein Vertrauen sollen 
endlich belohnt werden!" Ein heißer, bisher nie 
gekannter Glücksstrom durchzog dabei den 
Knappen und er begann, Geld und Schätze in 
seine großen Rock- und Hosentaschen hinein 
zustopfen, bis sie bleischwer an ihm hingen. 
Da lächelte der Berggeist, erhob sich und 
führte Hannes wieder den Weg zurück, den man 
gekommen war — weit, weit, vorüber an den 
armseligen Holzschlitten in der Strecke auf der 
alten Grube Gerhard. Und ehe sich der Knappe 
versah, war der Hohberger wieder verschwunden. 
„Warum nun noch länger in der Grube blei 
ben?" sprach der glückliche Knappe halblaut 
vor sich hin, und er machte sofort Schicht und 
fuhr an Tage. Zuvor aber warnte er noch alle 
Kameraden auf der ganzen Grube Gerhard. Ge 
fahr war ja bestimmt im Verzüge, da der Berg 
geist ihm erschienen war. Kaum waren die letz 
ten Kameraden aus der Grube über Tage ange 
kommen, da explodierten in der Strecke von 
Vetter Hannes die Schlagwetter. Die ganze 
. . . uralt schien er, mit wehendem Bart und gütigen 
Augen
	        
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