Full text: 1957 (0085)

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war in dieser Spätglut geschmolzen, nur die 
Schattenhänge waren noch in Watte gepackt — 
wohl bis zum Frühsommer hin. 
Dampfende Pferde und Maulesel hatten zu dritt 
Berge von Geflügel, Gemüsen und die ersten 
Orangen durch die enge Klus Gampels nach 
Goppenstein geschleppt. Die guten Löhne ließen 
sich in diesem weltverlassenen Nest ja nur in 
Gaumenfreuden umsetzen. Die Dienstbahn hatte 
allerlei bunten Kram zweifelhafter Qualität für 
die fliegenden Händler hergebracht. Aber es gab 
fast kein Plätzchen zwischen all den Baracken, wo 
sie ihre bunten Kämme, Seifen, Heiligenbildchen, 
grellrosa Unterleibchen, Seidentüchelchen und 
Schuhraritäten aus dem vergangenen Jahrhundert 
in windbedrohten Buden feilhalten konnten. An 
solchen Festtagen klimpern die Batzen lose in den 
Hosensäcken und begehren zu wandern! 
Kräftige Tannen wurden zum Schmuck der Ka 
pelle, der Straßen und der Brücke die Steilhänge 
heruntergeschleppt. Die Lawinenwächter aus Fer- 
den, von der Walliser Regierung zum Schutz für 
die gefährdete Siedlung angefordert, waren unter 
die Künstler gegangen. Die Männer pflanzten 
Bäume, wanden grüne Tannenkränze und errich 
teten Ehrenpforten mit bunten Wimpeln, Nicht 
für den Besuch von Majestäten, aber für die Hei 
lige, die ums Jahr 300 als Tochter eines reichen 
Kaufherrn zu Ehren Christi in den Tod gegangen 
war. 
Wunderbar verwandelt war an diesem Festtag 
das Schulhaus der italienischen Kinder. Lange Ta 
feln waren aufgeschlagen, Fahnen und bunte 
Papierblumen an die rohen Holzwände geheftet, 
für hundert Prominente blecherne Bestecke aufge 
legt worden. Niemand hat uns je verraten, wo für 
diese Schmauser gekocht wurde. Darüber machten 
sich die ihre Freizeit genießenden Schulkinder 
schon gar keine Sorgen! Lustig streunten sie mit 
den Hunden durch die Gassen und zeigten den 
Freunden stolz das fette Huhn, das der Vater 
hoch oben am Türpfosten befestigt hatte. Dunkel 
häutige Buben standen als Schildwachen stramm 
unter dem Braten, damit ihn keiner der Hunde 
entführe. 
Nicht nur zum Schmaus, auch zum Tanz war 
Goppenstein gerüstet. Frisch gebügelte Männer 
hemden und bunte Fähnchen für die rare Weib 
lichkeit flatterten an rohen Stecklein unter den 
Fenstern. Pfeifend, sogar Arien schmetternd, hat 
ten Jünglinge ihre Tanzschuhe schon auf Hoch 
glanz poliert. Plötzlich stürzten grelle Trompeten 
stöße hinter einer Baracke hervor. Musikanten 
zogen in festlich gebürsteter Uniform zur Kapelle, 
ein mageres Züglein von Frauen, mit Schleiern 
oder Taschentüchern auf dem Haar, folgte. Plötz 
lich widerhallten die Berghänge vom festeröffnen 
den Donner der Schüsse. Dann rief das schwache 
Glöcklein der Kapelle zum Gottesdienst. Uber die 
hölzerne Brücke strömte die Menge. Die Walliser 
Gendarmen fühlten sich als die Allerschönsten in 
ihrer Festmontur mit den blitzenden Knöpfen auf 
den Blauröcken, den breiten Scharlachstreifen an 
den Hosen und den kokett aufgesetzten Zwei 
spitzen über den glattrasierten strahlenden Jung 
männergesichtern. Doch gelang es den selbstsiche 
ren Stiefsöhnen Mars“ nicht einmal, die schnat 
ternde Gänseschar neben der Kirchenpforte zum 
Schweigen zu bringen. Hunde jagten die Krei 
schenden immer wieder unter die Menge, die 
keinen Raum in der Kapelle gefunden hatte. 
Endlich öffnete sich die Tür zum Gotteshaus: 
Eine Gipsstatue Barbaras, in Weiß, Himmelblau 
und Gold, schwebte lächelnd über den geneigten 
Andächtigen. Kräftige Mineure in neuen Anzügen 
aus Öltuch, den breitrandigen Südwester auf der 
dunklen Lockenfülle, trugen ihre Heilige auf ge 
schmückter Bahre an der Spitze des Festzuges 
zum Tunneleingang. Fremde und einheimisdie 
Geistliche, Chorknaben, die barmherzigen Schwe 
stern aus Schule und Spital mit weit ausladenden 
Flügelhauben über schwarzem Festgewand, sitt 
sam wandelnde Schulkinder, armselig und dünn 
gekleidet, stämmige Arbeiter mit ihren Vorge 
setzten geleiteten das Standbild unter Ehrenpfor 
ten und Baugerüsten hindurch, über rostige Schie 
nen und durch Tauwassertümpel zum gähnenden 
Tunnelloch, wo schon eine schaulustige Menge 
harrte. Hoch flatterten die Fahnen über Barbaras 
Köpfchen. Weihrauch duftete. Als die Marschweise 
verstummt war, sangen die Schulmädchen mit zit 
ternden Stimmchen einen Bittgesang an die Hei 
lige. Geistliche und weltliche Reden folgten. Allen 
lächelte Barbara freundlich zu, versprach und seg 
nete alle, die im Schoß der Erde gefahrvoller Ar 
beit nachgehen. Aber schließlich ließ sie sich auch 
gern wieder zurück in die Kapelle tragen. 
Ich weiß noch, wie gut es tut, die Musikanten 
einmal mit frohen Weisen zu hören. Zu oft 
sahen wir sie vor dem Sarg eines tödlich Verun 
glückten den steilen Hang zum armseligen Fried 
hof an der steilsten Halde über der Lonza empor- 
klettem, wo kein Grabmal, kein Kranz die Stätte 
ehrt, wo ein Mensch der Erde zufiel. Dann blie 
sen die Trompeten regelmäßig die makabren 
Klänge von Chopins Trauermarsch, die der Wind 
meist unwirsch zerriß. 
Nach dem Gottesdienst begann bald ein fest 
liches Schmausen. Die einen setzten sich unter 
glückstrahlende Kinder und Frauen, die anderen 
zu lauten Gesellen in die überfüllten Gaststuben. 
Die Prominenten mußten am meisten Geduld 
üben. Fast unerträglich lange Pausen schoben sich 
zwischen die Gänge. Der kostbare Wein, der in 
sintflutartigen Mengen floß, begann rasdi und 
stark zu wirken und löste Hemmungen auch bei 
sonst Braven! 
Goppenstein besaß keine Festwiese. Aber die 
Jugend fand doch ein Plätzchen, wo die Burschen 
mit verbundenen Augen alte Töpfe zerschlugen, 
Hunde aufeinander hetzten, rauften und johlten, 
während Tabakqualm und Eßgerüche aus halb-
	        

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