Full text: 1957 (0085)

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Audi Vinzenz ging, über die Torheit seines 
gleichaltrigen Freundes vor sidi hinbrummend, 
an seinen Arbeitsplatz zurück. Er sagte sidi, 
wollte Hans das kleine Hütchen durchaus nidit 
behalten, so hätte er es doch ihm, Vinzenz geben 
können. 
Doch Hans bereute seine Wohltat keinen Au 
genblick. Von der Stunde an, da er dem Männ 
lein sein Hütchen wiedergegeben hatte, war er 
noch fröhlicher als zuvor, und seine Munterkeit, 
die in seinen hellen Augen leuditete, machte ihn 
allen Nlensdien lieb. Auch bemerkte er sehr bald, 
daß ihm unsiditbare Hände offenbar bei seiner 
Arbeit halfen. Was ihm früher nur unter großen 
Mühen und Anstrengungen gelungen war, glückte 
nun auf den ersten Schlag. Er fühlte die Nähe 
des Grubenmännleins und freute sich seiner un 
sichtbaren Gesellschaft. Und oftmals summte er 
bei seiner Arbeit das alte Knappenlied vor sidi 
hin: 
Ich bin ein Bergmann und bin es gern; 
Still ist’s im Schacht, die Welt ist fern. 
Leucht’ Lämpchen mir mit hellem Sdiein 
Sdilag klingend Hammer ans Gestein. 
Will’s Gott, komm ich gesund hinauf 
zum hellen Tag — Glück auf, Glück auf! 
Da w'ars’s, als stimmten viele Stimmen ein: 
„Glück auf!“ riefen sie, und der alte Bergmanns 
gruß fand ein lautes Edio von den schwarzen 
Wänden. Zu Hansens Füßen häufte sich die los 
gebrochene Kohle, und der Steiger lobte ihn und 
sagte, daß kein anderer Bergmann soviel förderte 
wie er. Sein Lohn wurde größer, und endlich 
hatte Hans soviel, daß er ans Heiraten denken 
konnte. 
An dem Tage vor seiner Hochzeit war er so 
wohlgemut, daß er sich kaum zu fassen wußte; 
er sang und pfiff bei seiner Arbeit, und schließ 
lich stieß er den Hämmer klingend an den Bo 
den und rief mit lauter Stimme: „Ihr lieben 
Grubenmännelein — ich lade euch zur Hochzeit 
ein!“ 
Darauf wurde es für einen Augenblick ganz 
still um ihn; dann sprach eine kleine, klare Stimme: 
„Soll’n wir bei dir zu Gaste sein, 
So deck’ uns ein kleines Tischelein 
Am Abend hinter deinem Haus 
Und richte uns als Hochzeitsschmauß 
Den allerbesten Hirsebrei.— 
Doch bei dem Mahl sei nidit dabei!“ 
„Abgemacht!“ rief Hans und arbeitete weiter. 
So schnell und gut wie heute war ihm die Arbeit 
noch nie von der Hand gegangen, und als er bei 
Schichtwechsel abgelöst wurde, hatte er das dop 
pelte seiner täglichen Kohlenmenge gefördert. 
An seinem Hodizeitstage, als er mit seiner lieb 
lichen jungen Braut aus der Kirche gekommen 
w r ar, bereitete er mit ihr in aller Heimlichkeit 
einen kleinen Tisdi, den er mit Blumen schmückte. 
In die Mitte stellte seine Braut eine Schüssel 
süßen Hirsebrei, den sie selbst gekocht hatte. 
Dann gingen beide fort. 
Am nächsten Morgen fanden sie die Schüssel 
ganz leer. Auf einem großen grünen Blatt aber 
lag ein Stück Kohle. Hans ladite herzlidi, als er 
es bemerkte. „Ist das eure Hodizeitsgabe, kleine 
Freunde?“ fragte er. Doch da bemerkte er, daß 
ein seltsames Leuchten von der Kohle ausging. 
Er nahm sie in die Hand und wischte mit behut 
samen Fingern den schwarzen Staub fort: Leuch 
tendes, reines Gold trat zutage! Die Gruben 
männlein hatten mit ihrer Gabe nidit geikargt. 
Da hatte nun alle Armut ein Ende. Hans er 
warb ein kleines hübsches Haus mit Hof und 
Garten, das seine Frau trefflich in Ordnung hielt. 
Er selbst schaffte weiter als Bergmann in der 
Grube und fühlte immer Sdiutz und Hilfe der 
Männlein. Seine Kinder wurden brave, fröhliche 
Menschen, und sein ältester Sohn war mein Groß 
vater, der mir oft die Geschidite vom Gruben- 
männlein erzählt hat. 
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