Full text: 1957 (0085)

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Erich Hagel, Homburg: 
Ziergesellschaft, 
Zierstaat und 
lUenschenstaat 
In dem großen Reich der Tiere unterscheiden 
wir Ein- und Vielzeller. Bei dem Einzeller setzt 
sich der ganze Körper nur aus einer winzigen, 
mikroskophiseh kleinen Zelle zusammen. Diese 
muß alle Aufgaben verrichten, die zum Leben 
notwendig sind, wie Nahrungsauf nähme, Ver 
dauung, Atmung, Ausscheidung, Fortpflanzung u. a. 
Fürwahr, ein vielseitiges und umfangreiches Arbeits 
programm. Der Vielzeller baut sich aus mehreren 
Zellen auf. Das können 4,8, Tausende, ja Milliar 
den von Zellen sein. Beim Vielzeller übernehmen 
nicht einzelne Zellen, sondern ganze Zellgruppen 
je eine der oben angeführten Aufgaben. Es besteht 
also hier eine Arbeitsteilung innerhalb des einzel 
nen Lebewesens. Unter ähnlichen Voraussetzungen 
haben sich wieder Einzeltiere zu Gesellschaften 
und Staaten zusammengeschlossen. 
Interessant erscheint es nun, diesen Zusammen 
schluß von Tieren in der Natur zu verfolgen. Son 
dieren wir, so lassen sich zahlreiche Beispiele für 
Einzelgänger anführen wie audi solche, wo der 
Geselligkeitstrieb die Tiere zu kleinen und größe 
ren Verbänden zusammengeführt hat. Einzelgänger 
unserer Heimat sind z. B. Hamster, Maulwurf, 
Rohrdommel und Tausendfüßler. In der Lebens 
weise der Raubtiere liegt die Forderung, Einzel 
gänger sein zu müssen (Hauskatze, Leoparden, 
Tiger, Löwe, Fuchs, Mäusebussard, Hecht, Wels, 
Gelbrandkäfer und Goldschmied). Häufig sind er 
wachsene männliche Tiere weniger gesellig als die 
weiblichen und die Jungtiere. Das trifft nament 
lich für alte Männchen zu. So ist ein unerträglicher 
Einspänner der erwachsene Auerhahn, der noch in 
den schönen Wäldern der benachbarten Pfalz vor 
kommt. Die stärksten Rotwildhirsche führen nach 
Abwurf ihres Geweihs ein Einsiedlerdascm. Der 
Rehbock geht allein seine Wege, der starke Keiler 
unseres Schwarzwildes lebt stets für sich und 
sucht nur zur Rauschzeit die Bachen auf. Unter 
den Vögeln zeigen Amseln und Spechte eine deut 
lich ausgeprägte ungesellige Veranlagung. 
Andererseits führt der Geselligkeitstrieb, der 
nach Art, Alter und Geschlecht verschieden stark 
entwickelt ist, zu kleinen und größeren Tierver 
bänden. Da steht an erster Stelle als Zusammen 
schluß unter Artgenossen die Familie wie z. B.; 
bei den Meisen, der Ringeltaube, dem Schwan und 
Orang-Utan. Bleiben die Tiere, die zufällig am 
gleichen Ort und zu gleicher Zeit aus einem 
größeren Eigelege geschlüpft sind, beieinander, so 
entsteht eine Geburtsgemeinschaft (Blattlauskolo 
nie, Raupennest des Goldfalters, Raupen des Kohl- 
weißlings und des Prozessionsspinners). Eine 
andere Art der Gescllschaftsbildung sind die Fami- 
lienverbände, wie wir sie bei den Elefanten, den 
Bisons der amerikanischen Prärien und den Gazel 
len antreffen und die mandimal schon zu großen 
Herden führen können. So besonders bei vielen 
Affen wie dem Mantelpavian, der in Herden von 
ca. 15G Stück lebt, in denen 10 — 15 alte Männ 
chen ein regelrechtes Haremsleben führen. Ferner 
unterscheidet man Brut- und Nistgemeinschaften, 
die wir namentlich bei Vögeln finden. Beispiele: 
Schwalben, Krähen, Stare. Andere Tiere vereini 
gen sich zu Schlafgemeinschaftcn. Dazu zählen 
gewisse Wespen- und Bienenarten, unsere Krähen 
und Stare, Fledermäuse, die in großen Heizungs 
gängen, in Brunnenschächten und auf einsamen 
Dachböden ihre Tagesruhe halten; fliegende Hunde 
der Tropen, die in großer Anzahl, an den Ästen 
eines Baumes hängend, den Tag verschlafen. Wie 
der andere bilden Nahrungsgemeinschaften, in 
denen sich ungeheure Massen von Tieren zusam 
menfinden; um gemeinsam ergiebige Nahrungs 
plätze aufzusuchen (Heringsschwärme, Kabeljau, 
Seehund, Wanderratte). Berüchtigt sind die unge 
heuren Schwärme der Heuschrecken und ihre 
verheerenden Wanderzüge. Wieder andere Tiere 
rotten sich zu Jagdverbänden zusammen, die neben 
dem Gemeinschaftsgefühl ein organisiertes Han 
deln erkennen lassen. Bekannt dafür ist die Wolfs 
meute, die im W'inter ihre Jagdzüge gemeinsam 
durchführt, wobei sie ihre Opfer hetzt und ein 
kreist, während andere ihnen den Weg absdmei- 
den. In geteilten Trupps jagen auch die Hyänen 
hunde. Schließlich wären die riesigen Herden der 
Steppen und Savannen zu nennen. Sie setzen sich 
Wolfsmeute, die Fährte eines Hirsches verfolgend
	        
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