Full text: 1956 (0084)

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Von Werner Jakobi, Saarbrücken 
Christel war ein ordentliches und fleißiges 
Mädchen, das in der Schule immer schön aufpaßte, 
sauber schrieb und gut redmete. Aber weil sie 
schüchtern und zurückhaltend war, war sie bei 
den andern Mädchen nicht besonders hoch geach 
tet. Deshalb hielt sich Christel meistens für sich 
und hatte auch nicht viel Freundinnen. Ganz an 
ders stand es um Ruth, die in dieselbe Klasse 
ging. Ruth schrieb und rechnete zwar nidit so gut 
wie Christel, war auch lange nicht so fleißig, 
hatte dafür aber einen großen Mund und wußte 
sich immer in den Vordergrund und ins redite 
Licht zu setzen. Deshalb war sie immer der Mit 
telpunkt, um den sidi die andern scharten. Das 
änderte sich mit einem Schlag. Und das kam so: 
Eines Tages brachte die Post Christel ein lan 
ges, schmales Paket von der Großmutter. Neu 
gierig öffnete Christel es. Als das letzte Papier 
abgewickelt war, hielt sie einen Schirm in den 
Händen. Es war ein großer, sdiwarzer Schirm, der 
gar nidit einmal modern war, denn er hatte eine 
Krücke, und moderne Schirme haben Griffe, oder 
Knöpfe. Deshalb freute sidi Christel gar nidit 
besonders; als sie aber den Brief der Großmutter, 
der bei dem Schirm lag, gelesen hatte, madite sie 
große Augen. Der Schirm war kein gewöhnlidier 
Schirm, — nein, es war ein ganz besonderer 
Schirm — ein musikalischer Schirm. Wenn man 
ihn aufspannte, ertönte Musik, ja, der Sdiirm sang 
sogar dazu. 
„Na, das muß ich aber gleich einmal auspro 
bieren, dachte Christel, spannte den Sdiirm auf 
und lausdite! 
Im selben Augenblick spielte und sang der 
Schirm, zuerst: „Fudis, du hast die Gans gestoh 
len!“, — dann: „Ein Männlein stand im Walde!“ 
— und zum Sdiluß: „Weißt du, wieviel Stemlein 
stehen!“ — 
Christel wußte sich vor Staunen und Vergnü 
gen nidit zu fassen und sprang mit ihrem musika 
lischen Schirm in der Stube herum. Laut sang 
sie alle Lieder mit, eins nadi dem andern und 
wieder von vom. — Von nun an wartete Christel 
sehnsüchtig auf den nädisten Regentag, an dem 
sie stolz mit ihrem Wunderschirm zur Sdiule 
gehen wollte. 
Als es endlidi einmal regnete, und Christel mit 
ihrem singenden Schirm der Sdiule zuging, kamen 
von allen Seiten die Mädchen aus ihrer Klasse ge 
laufen. Sie umringten Christel, staunten, freuten 
sich und zogen schließlich mitsingend neben ihr, 
vor ihr und hinter ihr her. Adi, war das ein lu 
stiger Sdiulgang, trotzdem der Himmel trübe war, 
und es in Strömen regnete. Von jetzt an drängten 
sich alle um Christel, wollten nur mit ihr gehen 
und braditen sie bei Regenwetter sogar bis vor 
ihre Haustür. Nur eine hielt sich zurück. Das war 
Ruth. Sie stand plötzlich allein, niemand küm 
merte sich mehr um sie, und das ärgerte und 
kränkte sie über die Maßen. Tag und Nadit sann 
sie darüber nach, wie sie ihre Freundinnen zu- 
rückerobem könnte. Da kam ihr ein häßlicher 
Gedanke: 
Eines Tages schützte sie mitten in der Stunde 
Kopfweh vor, und bat nach Hause gehen zu 
dürfen. Draußen auf dem Flur nahm sie ihren 
Mantel vom Haken, ergriff Christels Schirm, der 
auch dort hing und eilte damit nach Hause. Dort 
versteckte sie ihn gut, denn die Eltern wären 
bald hinter ihre Missetat gekommen. 
Als die Sdiule aus war, vermißte Christel ihren 
Schirm sofort. Weinend verkündete sie ihr Un 
glück, dodi niemand hatte den Schirm gesehen. 
Ein paar Tage noch hoffte sie, daß der Schirm 
vertauscht worden wäre und zurückgebracht 
würde, dodi vergebens. Der musikalische Wunder 
schirm war und blieb verschwunden. Die Mäd 
chen aber blieben Christels Freundinnen, denn sie 
hatten gemerkt, welch braves verträgliches und 
besdieidenes Kind sie war. 
Als Ruth sah, daß ihre Freundinnen sich so 
nidit wieder ihr zuwandten, dachte sie: „Ich muß 
mir etwas ausdenken, das sie alle wieder zu mir 
lockt.“
	        

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