Full text: 1955 (0083)

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Von Ingeborg Margeit 
Saarbrücken 
Wenn man die Akrobaten auf der Bühne sieht 
— wer könnte dann glauben, daß sie Bergleute 
sind — Bergleute, die in gebeugter Stellung 
am Stoß stehen und Kohlen graben, die in ein 
töniger Bewegung 8 Stunden lang die gleiche, 
schwere Arbeit verrichten. Hier bilden sie eine 
Pyramide — kraftvoll und frei. Jede ihrer Bewe 
gungen verrät vollkommene Beherrschung des 
Körpers. In diesen Augenblicken vergessen sie 
ihren dunklen Arbeitsplatz unter der Erde, hier 
zeigen sie im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit, 
was ein Bergmann alles kann. 
Natürlich — hinter allem Glanz verborgen, 
gibt es auch geheime Sorgen. Die Bergmanns -- 
Artisten sind ganz auf sich allein gestellt und 
besitzen nicht den Rückhalt wie ihre Sänger 
kameraden oder Kollegen der Bergkapellen. Sie 
haben mit mancherlei Schwierigkeiten zu kämpfen. 
Da besteht zunächst einmal das Problem des 
Trainings., das durch die Wechselschieht, die 
die Bergleute machen, sehr erschwert wird. Im 
iibrigen scheinen die Artisten im Laufe der Zeit 
bei den SBW in Vergessenheit zu geraten, denn 
immer seltener werden sie zu den Kamerad 
schaftsabenden der einzelnen Abteilungen hinzu 
gezogen. Lediglich die Grube, bei der die Ar 
tisten beschäftigt sind, setzt ihren Stolz darein, 
ihr Programm mit eigenen Leuten zu gestalten. 
Wenn der Bergmanns-Artist sich ein größeres 
Publikum wünscht, dann nicht, um seinen Geld 
beutel zu füllen. Nein, er ist Idealist und trainiert 
und tritt aus Freude am Sport auf. Dabei 
schafft er sich den schönsten Ausgleich zu 
seinem schweren Beruf. Sehen wir ihn uns einmal 
genauer an! Lassen wir unseren kleinen Film 
streifen ablaufen! 
Wir blenden auf. 
Schauplatz: Küche des Elternhauses von Ste 
phan Engstier-Altenwald. 
„Au, sagt die kleine Christel und reibt sich den 
blonden Lockenschopf. Sie ist beim Training in 
der Küche an die Lampe gestoßen und verzieht 
jämmerlich das Gesicht. „Ja“, meint Vater Engstier 
lachend, „wir müssen uns bald nach einem ge 
eigneteren Raum umsehen. Die Küche wird auf 
die Dauer zu eng!“ 
Engstier ist Bergmann auf Grube Mellin. 
28 Dienstjahre hat er als Hauer auf dem Buckel. 
Wie zu erraten, betätigt er sich nebenbei als 
Artist. Er ging bei keinem der im Saarland be 
kannten Akrobaten in die Lehre. Ohne ein Vor 
bild zu besitzen, arbeitet er all seine Tricks selbst 
aus. Da,s Metier liegt ihm im Blut. Schon als Junge 
nützte er jede Möglichkeit aus, einen Zirkus zu 
besuchen. In seinem Vater, dem Glasmachermeister 
Engstier, findet er einen guten Bundesgenossen, 
denn auch dieser liebt die Zirkuswelt und das 
Variete. Stephan Engstier verlegt sich zunächst 
aufs Ringen. 1939 gründet er die erste Akroba 
tengruppe, die au,s 4 Männern besteht. Als seine 
älteste Tochter 5 Jahre alt ist, beginnt er mit 
dem Training. Bereits 1941 tritt er mit ihr im 
Eden-Variete in Saarbrücken auf. Während des 
Stephan Engstier, Altenwald
	        

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