Full text: 1955 (0083)

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Kühen, die still und friedlich ain Bach weideten 
und johlte und schimpfte. 
Da trat ein Junge aus dem nahen Wald und 
trug eine Bürde Holz auf dem Kopf. Als der 
Wahnerdick ihn erblickte, häufte er grünes Erlen- 
laub aufs Hütefeuer und entfachte damit einen 
dichten Rauch. Dann sprang er durch die Schwa 
den, zerteilte sie mit den Händen und schrie: 
„Dampf flieg mir nicht nach, flieg der bösen 
Weidenkätt nach!“ 
Im selben Augenblick krachte die Holzlast in 
einen Wiesengraben und der Weidentoni fuhr 
unter ihr hervor. Er schüttelte die Fäuste und 
rief: „Wahnerdick, wenn du noch einmal meine 
Mutter beschimpfst, sollst du es büßen!“ 
„Hahaha, was willst denn du? Mach langsam, 
sonst trittst du auf deine langen Hosen!“ Der 
Weidentoni aber trat nicht auf die ausgefransten 
Hosen, die einst die mageren Beine des toten 
Korbmachers umschlossen, sondern eilte auf un- 
sem „Todfeind“ zu. 
„Ruf das noch einmal!“ Unter Tonis offenem 
Hemd wogte die Brust und der Kopf saß ein 
gezogen zwischen den Schultern, unter denen 
sich ein runder Höcker wölbte. Toni war als 
kleines Kind aus der Wiege gestürzt und hatte 
dabei den linken Schulterknochen gebrochen. 
„Ruf das noch einmal!“ Jetzt stand der Toni 
dicht vor dem „roten Büffel“. Seine hellen Augen, 
die sonst harmlos in die Welt blickten, funkelten 
gefährlich. 
„Was soll ich noch einmal rufen?“ Der „rote 
Büffel“ stemmte seine dicken Arme in die Hüften 
und blickte wie ein Graf auf seinen Gegner 
herab. 
„Das mit dem Dampf.“ Die Stimme des Wei 
dentoni klang heiser. 
„Willst du mir das verbieten? Mensch, du hast 
ja nichts in den Knochen. Und dein Kopf! Hahaha 
— der sieht aus wie ein vierkantiges Brot!“ 
„Das steinhart ist!“ schrie Toni auf, und sein 
kantiger Schädel traf die Magengrube des „roten 
Büffel“, daß dieser krachend auf den Rücken flog. 
Wie war das möglich? Galt der Weidentoni 
nicht als Schwächling? Wir standen wie erstarrt. 
Mit einem Wutlaut sprang der Wahnerdick 
empor. Aber bevor er fest auf den Beinen stand, 
drang Toni zum zweiten Male auf ihn ein. Dies 
mal schlug der „rote Büffel“ hin wie ein um 
geworfener Kegel und spürte die harten Fäuste 
des unterschätzten Gegners. 
Der Wahnerdick brüllte, strampelte, spuckte 
und heulte. Aber Toni preßte ihn fest auf die 
Erde und setzte ihm solange zu, bis er um 
Gnade flehte. Kaum war er frei, da rannte er 
zum Bach und bewarf uns mit Schimpfnamen 
und Steinen. Toni eilte ihm nach und trieb ihn 
in einen nahen Steinbruch. Dort verschwand der 
„rote Büffel“ hinter einer Dornhecke, und wir 
lachten über seine ohnmächtigen Drohungen. 
Als wir unser Vieh heimtrieben, schoß der Be 
siegte aus einem engen Gäßchen und versuchte, 
uns mit seiner Peitsche zu treffen. Aber Winnetou 
und Old Shatterhand, die vom Felde heimgekehrt 
waren, jagten ihn ins Oberdorf zu den Kriegern 
seines Stammes. Diese hatten bereits die schmäh 
liche Niederlage ihres Häuptlings erfahren und 
sich dem Bogenermartin untergeordnet. So verlor 
der „rote Büffel“ Ehre und Ansehen. Der Wei 
dentoni aber hieß seither „Eisenstim“ und sein 
harter Schädel bewährte sich noch in manchem 
Kampf. 
Heute ist „Eisenstim“ ein geachteter Hausierer. 
Mit seinem schweren Tragkorb stapft er durch 
die Walddörfer und verkauft neben allerlei Klein 
kram auch Tanzknöpfe, Klicker und Bälle für die 
Kinder. Er ist der einzige Gängler, der seine Last 
auf dem Kopf trägt. Er scheint sie nicht zu 
spüren und verschmäht das Kopfkissen, das einst 
seine Mutter unterschob, um den Druck des Korbes 
zu mildem. Als ich ihm neulich zurief: „Na, alter 
Eisenstim, wie gehts?“ stützte er für ein paar 
Atemzüge den Knotenstock ins Kreuz und er 
widerte: „Mit so einem Namen schleppt man sich 
das ganze Leben herum. Aber ich bin stolz auf 
ihn, denn auf meinem verpuschten Rücken hätte 
ich nie ein Last tragen können.“ 
Zitronen-Limonade 
ct‘ Juuiak 
Von Bernhard Krajewski, Neunkirchen 
Dür August aus der Münchwies war einst ein sehr 
tüchtiger Bergmann, aber seinen PRIEM mußte 
er bei der Arbeit haben, sonst „flutschte“ es nicht 
und er war grandig und nicht zu genießen. Auf 
ihn traf die in den knappen Zeiten des Krieges 
entstandene saarländische Redensart zu, die Müt 
ter ihren Kindern zu sagen pflegten: „Ihr Kinner 
bete —- eier Vadder huckt em Querschlag on hat 
kä Tuwak.“ — Aber August hatte immer seinen 
Tabak, selbst in den schlechtesten Zeiten, oft 
zum Erstaunen seiner Kameraden. — Wenn er 
nach Hause kam, klagte ihm seine Frau fast 
täglich, daß die Hühner nicht mehr legen wür 
den. August zuckte nur mit den Schultern und 
gab keine Antwort. Als ,sie wieder einmal jam 
merte, daß sie keine Erklärung finde, warum 
die Hühner nicht legten, da meinte er ganz trok- 
ken: „Besorg du mir Tuwak — dann leje a die 
Hinkle widdeT.“ — August hatte nämlich heim 
lich die Eier gegen Tabak getauscht.
	        

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