Full text: 1954 (0082)

FÜR UNSERE 
KLEINEN 
192 
Die blauen Sammetsdiuhe 
Von Werner Jakobi, Saarbrücken 
S s waren einmal zwei Sdiwestern. Die sahen 
C- einander sehr ähnlich, aber die eine war lustig 
und ein Sausewind, die andere war ernst und 
still. Die Mutter, die selbst gern lustig war, ver 
wöhnte die jüngere, lustige Tochter, hielt sie zu 
keiner Arbeit an und hieß sie tun, was ihr 
gefiel. Die ältere, ernste Tochter aber mußte 
alle Arbeit tun im Hause, ihr blieb nie eine 
Stunde Zeit zu ihrem Zeitvertreib. Und da sie 
ein gutes Herz hatte, das keinen Neid kannte, 
wehrte sie sich nicht dagegen. 
Das Dorf hatte einen Bürgermeister, der sehr 
reich war und nur einen einzigen Sohn hatte. 
Eines Tages sagte sein Vater zu ihm: „Bald ist 
Kirchweih im Dorf. An den Abenden wird ge 
tanzt und alle Mädchen des Dorfes werden kom 
men. Es wäre Zeit, daß du dich unter ihnen nach 
einer passenden Frau umschauest, du bis jetzt 
alt genug." 
„Ja“, meinte der Sohn, „aber es muß eine 
recht lustige sein!" „Dann geh' am ersten Abend 
allein hin“, schlug der Vater vor, „und such 
dir eine aus. Am zweiten Abend will ich dann 
mitkommen und sehen, ob du eine rechte Wahl 
getroffen hast." 
Die Kirchweih kam, und alle Mädchen im 
Dorf rüsteten sich dafür. Auch die Lustige der 
beiden Schwestern holte ihr schönes, leuchtend 
blaues Kleid und ihre weißen Schuhe hervor. Die 
Ernste wäre auch gerne zum Tanz gegangen 
dieses Mal; ein schönes, weißes Kleid hatte sie 
ja, aber keine Schuhe. Mit den Holzpantoffeln, 
in denen sie den ganzen Tag herumlief, konnte 
sie sich unmöglich auf dem Fest sehen lassen; 
man hätte sie nur ausgelacht. 
Traurig ging sie deshalb am Nachmittag in 
den Wald, Holz sammeln. Mochte die Schwester 
sich am Abend allein beim Tanz vergnügen. 
Plötzlich stand ein altes Weiblein vor ihr, das 
schwer an einem Bündel trug. Ohne viele Worte 
nahm das Mädchen der Alten die Last ab und 
trug sie ihr bis zu ihrer armseligen Hütte. 
„Du bist ein gutes Herz", bedankte sich das 
Weiblein, „du sollst auch etwas haben; nimm 
diese Schuhe, sie werden dir Glück bringen.“ 
Mit diesen Worten reichte sie dem überraschten 
Mädchen ein Paar wunderschöne, blaue 
Sammetschuhe. Oh, nun konnte es doch noch 
heute abend zum Tanz gehen. Es bedankte sich 
bei der freundlichen Alten, packte sein Holz auf 
und ging schnellen Schrittes heimwärts. Es 
wusch sich fein sauber, zog das weiße Kleid 
und zuletzt die blauen Sammetschuhe an. Kaum 
aber hatte es sie an den Füßen, da merkte es, j 
wie ihm so leicht und froh zumute wurde, wie 
nie zuvor. Als es im Dorfkrug ankam, hatte der 
Tanz schon längst begonnen. Der Sohn des 
reichen Bürgermeisters aber hatte immer nur 
mit der lustigen Schwester getanzt, denn sie 
war die Lustigste von allen. Kaum aber hatte 
die sonst ernste, stille Schwester den Saal be 
treten, da sah sie der Bürgermeistersohn an. 
Und weil sie in ihrem weißen Kleid, den blauen 
Schuhen und dem fröhlichen Gesicht so schön 
aussah, holte er sie gleich zum Tanz. Bald merkte 
er, daß sie noch lustiger war als seine vorige 
Tänzerin, und er wußte auch bald: „Die oder 
keine wird meine Frau!" — Enttäuscht war die 
lustige Schwester nach Hause gegangen, denn 
sie wäre zu gern die Frau des reichen Bürger 
meistersohnes geworden. 
„Es wird wohl an den Schuhen liegen, meine 
sind ja auch schon älter", meinte sie, „morgen 
werde ich einmal die blauen Sammetschuhe an- 
ziehen. Sie werden gut zu meinem blauen Kleid 
passen, und ich werde die Allerschönste sein!" 
Zur Schwester sagte sie am anderen Abend: 
„Du kannst mir heute einmal deine Schuhe 
leihen, ich gebe dir meine." 
In ihrer Einfalt gab ihr die Schwester die 
blauen Sammetschuhe. Sie selbst blieb zu Hause, 
denn in den weißen Schuhen war ihr nicht nach 
Tanzen zumute. — 
Die Lustige aber schmückte sich und eilte mit 
den Schuhen der Schwester zum Tanz in den 
Dorfkrug. Kaum aber hatte sie den Saal be 
treten, da fingen die Schuhe an, sie zu drücken 
und zu zwicken, daß sie gar kein fröhliches 
Gesicht machen konnte, und der reiche Bürger-
	        

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