Full text: 1954 (0082)

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kreise, Bögen, Strahlenkronen, Draperien, Bän 
der, Strahlenbüschel, Sterngebilde flammen über 
den nächtlichen Himmel, stehen bisweilen un 
beweglich, oft geraten sie ins Wallen, durch 
dringen einander oder vollführen phantastische 
Bewegungen. Polarlichtbänder lösen sich vom 
Horizont, flattern wie vom Winde bewegte 
Fahnen und bilden Spiralen, Ringe und 
schlangenförmige Gebilde. Vorhänge schweben 
in der Höhe, faltig geworfen, oben grünlich, in 
der Mitte weiß, unten rot. Leuchtende Nebel in 
violetter Farbe bezaubern das Auge. Die Lichter 
erscheinen in einer Höhe von 100 bis 200 km. 
Leider ist es dem Durchschnittseuropäer nicht 
vergönnt, die Wunder der Polarlichter selbst zu 
betrachten. Die elektrische Natur der Strahlung, 
die mit der Sonnenstrahlung eng zusammen 
hängt, ist einwandfrei bewiesen. Auch die 
Magnetpole der Erde spielen für die Ausbildung 
der Strahlung eine bestimmte Rolle. Es gelang 
dem Forscher Birkeland mit Hilfe eines kleinen 
Erdmodelles, das gleichfalls Magnetpole besaß, 
alle Eigentümlichkeiten des Polarlichts bezüg 
lich Anordnung und Verteilung im Kleinen 
nachzuahmen. 
Mit Nacht und Eis ist das großartige Schau 
spiel am Himmel verknüpft, im Gegensatz zu 
vulkanischen Naturkräften, die mit der Tiefe 
der Erde und der Hitze im Bunde stehen. 
Dennoch findet man hoch im Norden auf Island 
auch Wunder der Unterwelt. Vulkane von 
1000 m Höhe und mehr (z. B. der Oräfajökul 
2119 m) bedecken die nordische Insel. In Ver 
bindung mit dem vulkanischen Charakter des 
Landes stehen heiße Springquellen (Geiser). 
Ihr Hauptmerkmal ist das Hochspringen von 
Wasserstrahlen in regelmäßigen oder unregel 
mäßigen Abständen. Islands größter Geiser 
fisl. Geysir) war der Strokko, der 1883 alle 
20 Tage 30 m hohe, dampfende Wassersäulen 
ausstieß. Heute ist der Geysir kaum noch 
„springlustig", doch sind noch viele kleinere 
Geiser auf Island tätig. Weitere Geisergebiete 
liegen auf Neuseeland, in Japan, u. a. Inseln, 
vor allem aber in Nordamerika im sogenannten 
Nationalpark der Vereinigten Staaten. Der 
größte, genannt „Old Faithful“, erreicht eine 
Springhöhe von 45 m. Alle 65 Minuten schießt 
ein kochender, gewaltiger, viele Meter dicker 
Strahl auf die Dauer von 10 Minuten aus dem 
Becken der Springquelle. Der Gelehrte Wilhelm 
Meyer berichtete folgendes: 
„Ein kristallklarer, absolut ruhiger See liegt 
vor uns, das von Kieselsinter eingerahmte, etwa 
zehn Meter im Durchmesser besitzende Becken 
des Geysir. Im Lauf der halben Stunde, wäh 
rend der ich auf den Beginn des Schauspiels 
wartete, sah ich ganz langsam den Spiegel des 
blauen Seeauges steigen. Dann perlten an einer 
gewissen Stelle des Randes einige Luftblasen 
auf, die sich mehrten, bis hier eine kleine Ein 
buchtung des Randes in beständigem Kochen 
war. Nun begann es auch an anderen Rand- 
parlien zu brodeln, und schließlich wallte es 
auch gelegentlich aus der Mitte auf. Nun glich 
der Pfuhl bald einem Riesenkessel voll sieden 
den Wassers. Pulsierend wurde das Sieden 
heftiger und wieder schwächer, und ab und zu 
spritzte es hoch auf, daß wir zeitweilig vom 
Rand einige Schritte zurücktreten mußten. 
Da plötzlich ein Donnern in der Tiefe unter 
unseren Füßen, das näher kam und nun ent 
faltete sich das Wunder. Der ganze See flog 
und zerstob mit einem Mal zischend und 
brausend in die LuftI Eine Wassersäule, so breit 
wie das Mittelschiff des Stefandoms und auch 
so hoch wie dieser und sich abdachend gleich 
ihm, erfüllte die Luft rings mit Millionen und 
aber Millionen strahlender Diamanten, in 
welche die zerstiebenen Tropfen sich ver 
wandelt zu haben schienen, eine weißleuchtende, 
ungeheure Garbe aus siedendem Wasser und 
wirbelndem Dampf, die sich mit unbeschreib 
licher Pracht von dem blauen Himmel abhob. 
Und dieses Schauspiel hielt mit ungeschwächter 
Kraft mindestens eine Viertelstunde an. Nach 
allen Seiten hin schleuderte der Schlund mäch 
tige Wasserstrahlen empor, dem diamantenen 
Riesenbukett immer andere Formen gebend!" 
Die Wunder der Unterwelt haben stets eine 
gewisse Scheu bei den Menschen ausgelöst. 
Das Wort „Höhlenangst" ist fast ein medi 
zinischer Begriff geworden. Es gibt Menschen, 
die sich um keinen Preis bewegen lassen, eine 
tiefe Höhle — und sei sie noch so sicher — zu 
betreten, ja sie zittern bereits vor Angst, wenn
	        
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