Full text: 1954 (0082)

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sah in Prometheus den Begründer der Kultur 
überhaupt. 
Zweifellos gab die Beherrschung des Feuers 
dem Menschen ein unerhörtes Übergewicht 
gegenüber den Tieren. In der Naturgeschichte 
der Erde war vor Jahrmillionen eine neue 
Epoche für den Menschen angebrochen, als er 
lernte, Feuer künstlich herzustellen. 
In unserem Jahrzehnt stehen wir wiederum 
vor einem ganz ähnlichen naturgeschichtlichen 
und naturwissenschaftlichen Wunder. Der Erfin 
der der Wasserstoffbombe oder schon der 
Atombombe ist der Prometheus der Gegenwart. 
Ein neues Zeitalter kommt heran, das Zeitalter 
der Atomenergie. Es ist nichts weniger gelun 
gen, als der Sonne ihr Geheimnis der Strahlung 
zu entreißen und auf der Erde — zunächst noch 
in kleinstem Maßstabe — künstliche Sonne zu 
erzeugen, Hitze und Helligkeit zu gewinnen, 
die alle Erwartungen übertrafen und selbst die 
Hersteller in Schrecken versetzten. Hören wir 
einmal, was ein Mitarbeiter als Augenzeuge bei 
der ersten Versuchsexplosion der Atombombe 
in Neu-Mexiko selbst sagt: 
„Und was die Zukunft betraf, so war in das 
Dasein etwas Großes und Neues eingetreten, 
das sich als unvergleichlich wichtiger erweisen 
würde als selbst die Entdeckung der Elektrizität 
oder irgendeine der anderen großen Entdeckun 
gen, die unser Dasein so sehr verändert haben. 
Ja, man darf wohl die Auswirkungen als noch 
nie dagewesen, als großartig, als wunderbar, 
staunenerweckend und schrecklich bezeichnen. 
Nie hatte Menschenhand ein solch gewaltiges 
Kraftphänomen je vorher zur Verfügung gehabt. 
Die Lichteffekte spotteten der Beschreibung. 
Das ganze Land war erhellt von einem ver 
sengenden Licht, dessen Stärke viele Male 
größer war als die der Mittagssonne. Es leuch 
tete in goldenen, purpurnen, violetten, grauen 
und blauen Farben. Es erhellte jeden Gipfel, 
jede Spalte und jeden Felsgrat der nahege 
legenen Gebirgskette mit einer Klarheit und 
Schönheit, von der die Dichter träumen, die 
sie aber nur armselig, unzulänglich beschreiben 
können. 30 Sekunden später kam zuerst die 
Explosion, der Luftdruck prallte hart gegen 
die Leute und Dinge, und dann folgte fast un 
mittelbar ein lautes, anhaltendes, schauerliches 
Donnern wie eine Warnung vor dem Jüngsten 
Tag, das uns spüren ließ, daß wir winzige 
Wesen in biasphemischer Weise wagten, an 
die Kräfte zu rühren, die bis dahin dem All 
mächtigen Vorbehalten waren. Worte reichen 
nicht aus, um denen, die nicht dabei waren, 
den Eindruck wiederzugeben, den wir körper 
lich, geistig und seelisch erfuhren. Man muß 
Zeuge gewesen sein, um es sich vorzustellen." 
NEUFANG MALZBIER 
So stellte sich der Anfang des Atomzeit 
alters dar, die Wasserstoffbombe ist bereits 
eine höhere Stufe der Entwicklung mit hundert 
facher Wirkung. Bei ihr arbeitet der Mensch 
mit Hilfe der aufbauenden Kräfte des Welt 
alls. Jedermann muß davon überzeugt sein, 
daß der Prometheus der Gegenwart keineswegs 
dem Prometheus der Sage des Altertums nach 
steht. Was sich heute abspielt, ist beispiellos 
in der Geschichte der Naturwissenschaften und 
das technische, naturwissenschaftliche Wunder 
der Neuzeit. Es wäre reizvoll, über die Ver 
änderungen des menschlichen Daseins oder der 
Wirtschaftslage, die sich im Atomenergiezeit 
alter abspielen werden, zu phantasieren. Sicher 
lich werden heute noch heiß umstrittene Pro 
bleme dereinst entweder sehr rasch gelöst oder 
belanglos werden, z. B. die Gewinnung und Ver 
teilung der Kohle, Bergarbeiterlöhne, Hydrierung 
der Kohle zu flüssigen Brennstoffen und dergl. 
Die Verwendung der Kohle wird im nächsten 
Jahrtausend nicht mehr Bedeutung haben als 
heute etwa die Beleuchtungsmethoden mit Kien 
spänen und Kerzen, wie sie noch vor 200 Jahren 
seit Urzeiten bekannt waren. 
Treten wir nun ein in das Reich der unbe 
lebten Natur, die mit dem Wechselspiel von 
Erde, Wasser, Feuer und Luft überreich an 
Wunderbarem und Staunenswertem erfüllt ist. 
„Aus der Natur, nach welcher Seite hin man 
schaue, entspringt Unendliches." (Goethe) 
Eines der wunderbarsten Naturschauspiele 
ist das Polarlicht, das die nördlichsten wie die 
südlichsten Zonen unseres Erdballs häufig er 
leben dürfen. Island, Spitzbergen, Nord 
norwegen, Grönland, Nordsibirien u. a. sind 
die bevorzugten Länder, von denen aus das 
Nordlicht beobachtet und studiert wurde. Groß 
artige Beschreibungen lieferten uns die Polar 
forscher. Frithjof Nansen z. B. hat in seinen 
Tagebüchern „In Nacht und Eis" weltberühmte 
Schilderungen der verschiedensten Nordlicht 
gebilde gegeben, die er während seiner Nord 
polexpedition 1893—1896 beobachtet hat. Immer 
wieder konnten er und seine Mitarbeiter nur 
begeistert staunen über die unerhörte Größe 
und Farbenpracht der Lichterscheinungen, gegen 
die selbst der schönste Doppelregenbogen 
ihnen geringfügig erschien. Gewaltige Halb-
	        

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