Full text: 1954 (0082)

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DIE SIEBEN 
Z wei bekannte Redensarten aus dem Volks 
mund lauten: „Da staunt der Laie und der 
Fachmann wundert sich“, oder „ich wundere 
mich über gar nichts mehr.“ Wie man sieht, wer 
den damit zwei Extreme gekennzeichnet. Das 
erste drückt aus, daß es selbst für den Fach 
mann noch Wunder gibt, das zweite besagt, die 
größten Wunder der Welt imponieren nicht 
mehr. In der Tat hängt die Anerkennung, was 
als Wunder gilt oder nicht, sehr von der per 
sönlichen Auffassung jedes einzelnen ab. Dem 
einen imponiert eine Atombombe oder ein 
Düsenjäger mit Schallgeschwindigkeit, aber daß 
der Weltenraum endlich sein soll und einen 
Durchmesser von 20 000 Trillionen km habe, 
ist ihm völlig gleichgültig, dem anderen wieder 
ist die Atombombe und der Flieger belanglos, 
aber die Weltenraumfrage wertvoll. Diesem ist 
es ein Wunder, daß man „fernsehen" kann, 
jenem, daß die Ameisen sich „Milchkühe" 
(Läuse mit süßem Saft) halten, dem dritten 
erscheint es ein Wunder, wenn ein aufge 
gebener Kranker wieder gesundet. Was Wunder, 
wenn man sich darüber wundert, daß über das 
Wunderbare so viele Meinungen existieren. 
Schauen wir einmal in der Geschichte zurück, 
was früher als Wunder angesehen wurde. Das 
klassische Altertum sprach von den sieben 
Weltwundern. Dies waren: 1. der Tempel der 
Göttin Diana in Ephesus; 2. die ägyptischen 
Pyramiden; 3. die hängenden Gärten der Semi- 
ramis, der sagenhaften Erbauerin der Stadt 
Babylon (Gärten auf den Dächern eines Pa 
lastes); 4. eine Bildsäule des Gottes Zeus; 
5. ein Grabmal des Königs Mausolos von 44 m 
Höhe; 6. Eine Bronzestatue des Sonnengottes 
von 32 m Höhe; und 7. ein Leuchtturm vor 
Alexandria von 160 m Höhe mit acht Stockwer 
ken, ganz aus Marmor gebaut. Von allen diesen 
Weltwundern stehen heute nur noch die Pyra 
miden. 
Es handelt sich also bei diesen sieben Welt 
wundern ausschließlich um Bauwerke. Zweifellos 
hatten sie teilweise neben ihrer technischen 
Großartigkeit auch gewisse kulturelle Werte. 
Längst aber sind die antiken Baumeister durch 
die heutige Technik in den Schatten gestellt. 
Man denke nur an den Eiffelturm (320 m), an 
das größte Hochhaus New Yorks (380 m), an 
unzählige Riesenbauwerke wie Talsperren, 
Alpentunnels von 12 km Länge, Riesenbrücken 
bis 3 km Länge, Schiffshebewerke, die ganze 
Schwimmbassins mit Schiffen heben, usw. Die 
alten Römer und Griechen würden sich heute 
über unsere Bauwerke wundern, wir uns aber 
nicht über die ihren. Nein, die Bauwerke selbst 
können kaum als Wunder angesehen werden, 
es sei denn, daß sich in ihnen noch höhere Ziele 
versinnbildlicht haben, wodurch sie gleichsam 
zum Ausdruck übermenschlicher Größe oder 
Schönheit werden. Wenn Generationen von 
Menschen an solchen Werken wie dem Straß 
burger Münster geschaffen haben, wenn diese 
Werke zum geistigen Ausdruck ganzer Kultur 
epochen werden, dann vermögen uns solche 
Bauwerke Bewunderung abzunötigen. 
Doch suchen wir weiter nach Wunderwerken, 
ohne uns dabei an Bauwerke zu binden. Gren 
zen nicht große naturwissenschaftliche Ent 
deckungen und Erfindungen ans Wunderbare? 
Die Röntgenstrahlen, die uns ins Innere des 
Menschen blicken lassen? Das Fernrohr, das uns 
ungekannte Welten neu erschloß, ebenso das 
Mikroskop? Der Mensch unseres Jahrhunderts 
hat sich daran gewöhnt, alle wissenschaftlichen 
Entdeckungen, alle technischen Fortschritte, und 
mögen sie noch so umwälzend oder gigantisch 
sein, als etwas Selbstverständliches hinzu 
nehmen. 
Dennoch sollten wir einen Augenblick solche 
Wunder genauer betrachten. Die griechische 
Sage erzählt von Prometheus, der den Menschen 
das Feuerwunder brachte, das er dem Himmel 
entwendete. Zur Strafe wurde er auf Befehl 
des Gottes Zeus an den Kaukasus geschmiedet, 
wo ihm ein Adler täglich die in der Nacht wie 
der wachsende Leber zerfleischte. Herkules be 
freite Prometheus, der seitdem auf der Götter 
burg im Olymp als Berater der Götter lebt. Man
	        

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