Full text: 1954 (0082)

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lages. Deshalb gab der Volksmund dem nied 
lichen Pflänzchen den Namen „Sonnentau". 
Ahnungslos und durstig, von dem köstlichen 
Naß angelockt, setzt sich eine Mücke auf ein 
schillerndes Sonnentaublättchen. Doch der Irr 
tum wird zu spät erkannt. Festgehalten von 
der klebrigen Flüssigkeit dieser „Tautropfen" 
macht die Mücke Fluchtversuche, schlägt mit 
den Flügeln um sich, versucht, sich mit den 
Beinen abzustemmen — doch alle Mühe ist 
vergebens. Sie benetzt sich mehr und mehr mit 
dem klebrigen Saft und liegt schließlich er 
mattet und sterbend auf dem Haarkissen. Das 
köstliche Naß war kein erfrischender Nektar, 
sondern ein klebriger Schleim, welchen die 
Drüsenhaare der Blätter absondern und der in 
der Sonne wie Tau schillert und glitzert. Er 
lockt die Insekten an, sie kleben fest und 
gelangen bei ihren Fluchtversuchen mit immer 
neuen Drüsenköpfchen in Berührung. Dieser 
Berührungsreiz läßt das ganze Blatt in Bewe 
gung gelangen. Benachbarte Drüsenhaare krüm 
men sich über das sich wehrende Insekt und 
drängen es zur Mitte des Blattes hin. Schließlich 
neigen sich die Blattränder einwärts, so daß 
das Insekt in eine Grube zu liegen kommt 
(Abb. 6). Die an dieser Stelle befindlichen 
Drüsenhaare sondern nun verstärkt Säfte ab, 
die, ähnlich wie unser Magensaft, die Weich 
teile des Tieres auflösen, d. h. verdauen. Nur 
die harten Chitinteile bleiben zurück. Die auf 
gelösten Weichteile des Tierkörpers werden 
dann von den Drüsen aufgesaugt und dienen 
zur Ernährung des Sonnentaus. Nach diesem 
Vorgang breiten sich die Blätter wieder aus. 
Die nicht verdaubaren Chitinteile werden vom 
Wind und Regenwasser von den Blättern weg 
genommen. Von zahlreichen Tauperlen besetzt, 
erstrahlt das verführerische Blatt wieder in der 
Sonne, bereit, ein neues Opfer zu „ver 
schlingen". 
Abb. 6: Blätter des Sonnentaus (Drosera rotundilolia) 
Links Blatt mit eingefangenem Käfer. Statt lebender 
Objekte werden auch feine Fleischstückchen verdaut. 
Ebenfalls gute Studienobjekte sind Drosera longi- 
lolia, intermedia und Drosophyllum. Etwa fünffach 
vergrößert (Orig.) 
Abb. 7: Fettkraut (Pinguicula vulgaris) 
Auf torfigen und moorigen Wiesen begegnet 
man auch dem Fettkraut {Abb. 7). Äußerlich 
ganz anders aussehend als der Sonnentau, hat 
es im übrigen viele Eigenschaften mit diesem 
gemeinsam. Wie wir auf Abbildung 7 sehen, 
bildet das Fettkraut ebenfalls eine Blattrosette. 
Sie besteht aus hellgrünen, dickfleischigen, 
länglich-elliptischen Blättern, die rinnig vertieft 
sind. Sie liegen dem Boden auf, und aus ihrer 
Abb. 8: Zwei Blätter der Fliegenfalle, 
das rechte geöffnet, das linke zusammengeklappt 
Mitte wächst im Sommer ein fünf bis zehn 
Zentimeter hoher Blütenschaft empor mit ge 
spornten, violetten Blüten. Die Oberfläche der 
Blätter ist stets mit einem klebrigen Schleim 
überzogen und verleiht ihnen einen fettigen 
Glanz, worauf sich der Name der Pflanze be 
zieht. Reibt man ein Blatt zwischen den Fingern, 
so fühlt es sich rauh an. Diese Eigenschaft 
rührt von den vielen kleinen pilzförmigen Er 
hebungen her, die man schon mit dem bloßen 
Auge erkennen kann. Es sind die Drüsen, die 
den zähen Schleim absondern. Auch hier glän 
zen die Schleimtröpfchen wie Tautropfen in der
	        

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