Full text: 1954 (0082)

Besuch b$unseren Üubifaren.} 
Von lngeboig Marga.it 
O ft bleibt ihr Mund stumm, denn sie schwei 
gen lieber, als einem Fremden Einblick in ihr 
Leben zu gewähren — ein Leben, das hart ge 
wesen ist und reich an Mühsal und Schweiß. 
Um so sprechender ist ihr Antlitz. Es ist das 
Antlitz des Bergmannnes schlechthin, das ge 
formt wurde in vierzigjähriger schwerer, ja 
atemberaubender Arbeit. Dieses Gesicht sagt 
aus vom Surren der Seilscheiben, die den 
Förderkorb in die Tiefe tragen, von täglichen 
Seilfahrten durch den Schacht bis auf den Grund 
— es sagt aus vom Dröhnen der Hämmer, dem 
Lärm der Maschinen, vom Schweiß, von sehni 
gen Armen, die unter der Wucht der Preßluft 
hämmer beben und biegen. 
Der harte Kampf mit den Gewalten der Natur 
hat diesem Antlitz seinen Ausdruck gegeben. 
Dabei entbehrt es nicht der Aufgeschlossenheit 
und eines Zuges der Freude. Denn muß nicht 
der Mensch, der acht Stunden seines Tages bei 
schwerster Arbeit im dunklen Schoß der Erde 
verbringt, doppelt so empfänglich sein für alle 
Schönheiten des Lebens im Licht? Scheint ihm 
nicht eine strahlendere Sonne, ist ihm der Him 
mel nicht blauer als den übrigen Menschen? 
Empfindet der Bergmann, der nach beendeter 
Schicht über die Felder geht, nicht dankbarer 
die Schönheit seiner Heimat, die Fruchtbarkeit 
der wogenden Kornfelder, das vielfältige Leben 
in der Natur? Sieht er unsere Welt nicht mit 
ganz anderen Augen, mit Augen, die um ein 
Leben im Dunkel wissen? Und verleiht dieses 
Erkennen ihm nicht eine größere Reife gegen 
über vielen Menschen des Tags, jenen ewig 
Unzufriedenen, denen im Grau des Alltags der 
Sinn des Lebens verlorenging? Der Bergmann 
aber empfängt täglich neu das Geschenk, was 
den anderen selbstverständlich ist. 
So hat denn die Grube wesentlich die Cha 
rakterbildung dieser Männer beeinflußt und ihr 
Wesen geformt. Sie hat sie zu harten, mutigen 
Menschen gemacht, die verschlossen dem Frem 
den gegenüber, untereinander eine feste Kame 
radschaft halten — eine Kameradschaft, die bei 
gemeinsamer Arbeit um die Gewinnung der 
Kohle gegründet wurde und enger geschmiedet 
ist als sonstige Arbeitsgemeinschaften weniger 
schwerer Berufe. 
Fast alle unsere Jubilare sind durch die harte 
Schule des Bergbaus gegangen. Und wie sich in 
ihrem Charakter ein gemeinsamer Zug heraus 
kristallisiert hat, so verläuft auch ihr Leben 
häufig auf der gleichen Linie. Es ist ein Leben, 
das schwer genug war, in dem sie sich tüchtig 
abrackern mußten, um sich und ihre Familien 
anständig durchzubringen. Aber sie haben sich 
tapfer gehalten und allen widrigen Schicksals 
schlägen getrotzt. Noch heute stehen sie mit 
beiden Füßen fest im Leben. Viele von ihnen 
sind vor Stoß tätig, andere mit leichteren Ar 
beiten beschäftigt und wieder andere wurden 
über Tage verlegt, wo sie sich in den verschie 
densten Abteilungen und Berufszweigen nützlich 
machen. 
Wenn wir einige unsere Jubilare aufsuchen 
und uns etwas aus ihrem Leben erzählen las 
sen, so gedenken wir dabei gleichzeitig ehrend 
der anderen Ungenannten. Ihnen allen danken 
wir für die in Treue geleistete lange Arbeit und 
wünschen ihnen einen friedvollen, gesunden 
Lebensabend, der ihnen die Früchte ihres Schaf 
fens bringen möge. In diesem Sinne verabschie 
den wir uns von unseren Jubilaren mit einem 
herzlichen „Glück auf!" 
* 
Grube Maybach. Die roten Backsteingebäude 
der Anlage werden vom Wald umsäumt, zwi 
schen dessen Stämmen die Sonne geistert und 
die Mücken spielen. Dort unter aber ist kein 
Raum für Stille. Die Geräusche der Arbeit er 
füllen unser Ohr. Bergleute mit kohlenschwar 
zen Gesichtern, aus denen gespenstig das Weiß 
der Augäpfel leuchtet, eilen an uns vorbei. Wir 
zwängen uns mit ihnen durch die viel zu schmale 
Eingangstür des Zechenhauses und finden zu 
Seiten des Verlesesaals die Steigerbüros. Hier 
sind wir an Ort und Stelle, 
Unser Besuch gilt dem 56jährigen Wetter 
steiger Jakob Diversy, der uns gleich aus einem 
Rollschrank sein Knappschaftsbuch heraussucht, 
das in einer altmodischen Schrift alle Daten 
seiner bergmännischen Tätigkeit enthält. Im Fe 
bruar 1913 fuhr unser Jubilar auf Grube May 
bach an. Er schaffte von der Picke auf, erst als 
Schlepper, schließlich als Lehrhauer und Voll 
hauer. Im Jahre 1924 besuchte er die Bergschule 
in Saarbrücken, um dann 1926 als Steiger an 
gestellt zu werden. Als Wettersteiger besitzt er 
eine große Verantwortung, denn schließlich 
hängt von seinen Beobachtungen und den Aus 
wertungen der Wetterproben das Leben aller 
Bergleute unter Tage ab. Der Wettersteiger ver 
bringt über die Hälfte seiner Dienstzeit unter
	        

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