Full text: 1953 (0081)

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eine Gestalt sich aus dem Schatten der Scheune 
löste, wie sie, an die Mauer geduckt, schlich, 
über den Hof hastete, und dann bei der Haus 
türe stehenblieb. Jetzt schwang sie blitzschnell 
ein blinkendes Messer, ein paar Schnitte, und 
die frischgrünen Äste der jungen Maien sanken 
zu Boden. 
Der Mond trat erschrocken hinter dem wei 
ßen Wolkenstreif hervor und beleuchtete mit 
seinen hellen Strahlen den Frevel. Als leere, 
häßliche Strünke standen die beiden Bäumchen 
da, nackt und bloß. Voll Abscheu sah er in ein 
hämisch grinsendes Gesicht, um das brandrote 
Haarsträhnen züngelten. 
Beim ersten Hahnenschrei fuhren die Mäd 
chen aus dem Schlaf. Die älteren warfen sich 
seufzend auf die andere Seite, die jungen aber 
schlüpften heimlich aus den Betten, schoben die 
Vorhänge beiseite und öffneten behutsam den 
Laden. Ach, da standen sie ja, lichte Gestalten 
im silbrigen Dunst, die duftenden Maien, und 
kündeten zärtliche Botschaft. Ein frohes Erröten, 
ein freudiges Pochen in der Herzgegend. 
Rasch schlossen sich die Fenster wieder und 
im Wachsein wurden schöne bunte Träume ge 
sponnen. 
Als Elsa in der Morgenfrühe aus dem Fenster 
lugte, gewiß, daß Heinrich ihrer gedacht hatte 
in der Maiennacht, sah sie zwei aufrechte Slek- 
Schlosserei und Reparaturwerk- 
stattfür eisernenGrubenausbau 
PETER MÜLLER 
GMBH. 
H EILIGENWALD-SAAR 
Grube Itzenplitz 
ken rechts und links der Haustüre aufgepflanzt, 
leere Stämme, die trostlos ins Dämmer starrten. 
Sie wurde über und über rot vor Scham. Mit 
bebenden Knien stand sie da, die Hand aufs 
Herz gepreßt, das laut und heftig pochte. O 
Gott! wer hatte das getan? Diese Schande! Sie 
schlug das Fenster zu, flog die Treppen hinab, 
riß die beiden leeren Stämmchen aus dem Bo 
den, zerbrach sie in hundert Stücke und warf 
sie über den Gartenzaun. Dann eilte sie zurück 
in ihre Kammer. Weinend warf sie sich aufs 
Bett. 
Nicht lange, da war das ganze Dorf lebendig. 
Die Neugier trieb die Menschen schon früh aus 
den Federn. Man mußte doch schauen, was die 
Geister angerichtet hatten in der Hexennacht. 
Die Bergleute fanden an diesem Morgen den 
Weg zur Grube recht ergötzlich. Sie beguckten 
und belachten manche absonderliche Hexen 
arbeit, bestaunten die Maien vor den Häusern 
und ließen es auch nicht an Anspielungen feh 
len. Als sie an Elsas Elternhaus vorüber kamen, 
stutzten sie. Hier stand kein Maibaum vor der 
Türe. War es möglich? Das schönste und zu 
gleich reichste Mädchen im Dorfe war nicht 
geehrt worden in der ersten Maiennacht mit 
einem frischgrünen Gruß aus dem Walde? Kein 
Freier hatte sich um Elsas Gunst bemüht? War 
nicht das halbe Heer der Burschen in das Mäd 
chen verliebt, voran der Heinrich? Das wußte 
doch jeder im Dorf, Ein Bursche wollte den 
Heiner in der Mainacht mit zwei Maien gesehen 
haben auf dem Weg zum Anwesen des Hof 
bauern. 
„Elsa wird sie nicht gewollt haben von dem 
Windbeutel", meinte der rothaarige Donauer- 
sepp verächtlich. „Sie wird sie beseitigt haben." 
„So wird es sein", stimmten etliche bei. „Es gibt 
im Dorf genug andere Burschen, die eher den 
Kopf zu Elsa erheben dürfen, reichere als der 
Heiner, der eingebildete Kerl, der nichts ist und 
nichts hat." Es war der Neid, der so sprach. 
Als der Donauersepp am Abend von der 
Schicht heimkehrte, begegnete ihm Elsa auf der 
Straße. Sie sah sehr blaß aus. „Na, er hat dir 
eine schöne Maie gesetzt, der Heiner, net?“ rief 
er. Elsa fühlte, daß sie rot wurde. „Was küm 
merst du dich darum?" sagte sie schnippisch und 
ging stolz ihres Weges. Heinrich also sollte ihr 
den Streich gespielt haben. Sie konnte — wollte 
es nicht glauben — Und dennoch! — In tiefen 
Gedanken ging sie nach Hause. Etwas in ihrem 
Innern war zerbrochen. — 
Willi ^jCbhcird/ Homburg, Am Rondell 
Das Fachgeschäft für HerrenDamen- und Knaben-Bekleidung
	        

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