Full text: 1953 (0081)

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Von Elisabeth K i r c h 
D as bleiche Halbgesicht des Mondes schwamm 
zwischen weißem Gewölk und blinzelte be 
lustigt auf das seltsame Treiben drunten im 
Dorf. Ach, dergleichen kannte er schon, der 
gute, alte Mond. Alle bösen Geister schienen 
losgelassen da unten auf der Erde. Da wurden 
Leitern abgehängt und fortgeschleppt, Schub 
karren in den Bach gestoßen, daß er plätschernd 
aufbegehrte, Wagen fortgerollt, Pflüge ver 
schleppt, Fensterladen wurden aus den Angeln 
gehoben und Hühnerleitern abgebrochen. 
Das Gesicht des Mondes verzog sich zu einem 
breiten Grinsen, als er sah, wie bei dem Hahne- 
bauer in der Hahnegaß die Sau aus dem Stall 
gezerrt und zur Fuchsdell hinaufgetrieben 
wurde. Ihr mörderisches Grunzen weckte die 
Schläfer. Aber bis sie in die Röcke, in Hosen 
und Wämser gefahren waren, hatten die Gei 
ster sich längst verduftet. 
Ei! Aber dort hinten in der „Hohl" trieben sie 
es noch toller. Dort nahmen sie einen Wagen 
auseinander, einen regelrechten Leiterwagen, 
wirklich und wahrhaftig, legten eine Leiter ans 
Schuppendach und beförderten den Wagen hin 
auf, Teil um Teil. Es war ein Meisterstreich. 
Oben setzten sie den Sezierten wieder zusam 
men. Ei ■—■ wie sie kicherten und grinsten! Nun 
thronte der Wagen breit und stattlich auf dem 
Dach. Nein, solch ein Streich! Der Bauer würde 
Augen machen morgen in der Früh. 
Aber was war das für ein seltsames Treiben 
dort unten im Wald. Aha, da wurde heimlicher 
weise Holz gefrevelt. Das Gesicht des Mondes 
verfinsterte sich. Er sah schärfer hinunter. Wahr 
haftig — jungfrische Maien schlugen sie ab. Er 
schrocken flüchtete er hinter eine graue Wolken 
wand. Die Geister aus Fleisch und Blut pirsch 
ten sich mühsam durchs Gestrüpp. Bald knackte 
da ein Ast, bald dort ein Bäumchen, das mit 
einem ächzenden Seufzer sein junges Leben 
aushauchte. Jetzt trat eine schmale Gestalt aus 
dem Walddunkel, zwei junge Birken unterm 
Arm. Es war Heinrich. Er lud die Bäumchen auf 
die Schulter und schritt quer über das Feld zum 
Dorf hinunter. Er wollte die Maien der Elsa vor 
die Haustüre pflanzen als sinnigen Gruß. Jedes 
Mädchen war stolz auf den Maibaum, womit 
der heimlich Geliebte seine Zuneigung kundtat. 
Heinrichs Augen tasteten liebevoll über die 
schlanken Maien hin. Sie sollten bei Elsa für 
ihn sprechen, sie sollten ihr, der Feinen, Stolzen 
sagen, daß er sie liebe. 
Jetzt hatte er das Gehöft erreicht. Es war 
kein leichtes Stück, in den abgezäunten Hof zu 
gelangen, aber Heinrich schaffte es, denn Liebe 
vermag alles. Mit flinken Händen pflanzte er 
die Bäumchen auf, eins rechts und eins links 
der Haustüre. Wie junge stolze Ehrenwächter 
standen sie im silbrigen Mondlicht. Heinrich 
war so sehr in sein heimliches Tun versunken, 
daß er den Späher gar nicht gewahrte, der in 
den breiten Schatten der hohen Scheune ge 
duckt, heimlich lauerte. Mit einem befriedigten 
Blick auf sein Werk, nahm er Abschied von den 
Boten seiner Liebe, überquerte den Hof, tastete 
sich durch den Garten, schwang sich über den 
Zaun und dann stand er draußen auf einem 
breiten Feldweg. Wie der Flieder so betörend 
duftete! Ein Rausch erfaßte Heinrich. Er sah 
nicht mehr, wie dort auf dem weiten Gehöft
	        

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