Full text: 1952 (0080)

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Die erste Dampfstraßenbahn 
Straßenbahn St. Johann—Luisenthal ins Leben. 
Am Tage der Einweihung waren die Häuser 
der Mainzer- und Bahnhofstraße beflaggt, und 
bald verherrlichte folgendes kleine Gedichtchen 
diese neue Errungenschaft: 
In St. Johann ist's schön, 
da braucht man nicht zu geh n, 
da fährt die Straßenbahn 
bis nach Luisenthal. 
In Burbach steigt man aus 
und geht ins Kaffeehaus; 
dort trinkt man Bier und Wein. 
Man holt sie wieder ein. 
Diese Dampfbahn soll manchmal 
die Bahnhofstraße so verqualmt 
haben, daß man kaum atmen 
konnte. Im Jahre 1899 wurde des 
halb diese Strecke elektrifiziert. 
Auf dem Gelände der heutigen Heinestraße 
war eine Radrennbahn angelegt worden, und 
dort fanden in den 80er Jahren die ersten Rad 
rennen auf Hochrädern statt. Im Sommer ver 
anstaltete der St. Johanner Radfahrverein, 
neben gemeinschaftlichen Radausflügen, Wett 
rennen, im Winter gab es Saalsportveranstal 
tungen mit Kunstfahren, Reigenfahren und Rad 
ballspielen. Diese Festlichkeiten erfreuten sich 
immer großer Beliebtheit in der Bevölkerung. 
Auch der Schwimmverein fand lebhaften Zu 
spruch. Die erste Badeanstalt befand sich auf 
der linken Saarseite oberhalb der heutigen 
Saargemünder Brücke. Oben auf der Böschung 
stand eine Bretterbude, von der Stufen zu einem 
Floß hinunterführten. An einer Ecke des 
Floßes befand sich ein Turm zum Springen. Als 
die Saar kanalisiert wurde, mußte die Bade 
anstalt auf das rechte Ufer verlegt werden. 
Hier war 40 Jahre lang der alte Latte tätig. Er 
war nicht gerade ein feinfühliger Schwimm 
meister. Mit seinen urwüchsigen kernigen Aus 
drücken brachte er oft die sittsamen Töchter, 
die Schwimmunterricht nahmen, zum Erröten. 
Wer nicht schwimmen konnte und auf „seinen 
guten Ruf" in der Stadt achtete, konnte sich 
der Badeanstalt nicht nähern. 
Oberhalb der Alten Brücke, gegenüber der 
einmündenden Spichererbergstraße in die Allee 
straße, unterhielt Latte eine Privatbadeanstalt. 
Mit Brettern ringsum verschlossen, tat sie der 
Schamhaftigkeit und Züchtigkeit Genüge. 
Den Höhepunkt der Badesaison bildete jedoch 
das alljährliche Schwimmfest, streng nach Ge 
schlechtern getrennt. Das „Familienbad“ war 
damals noch streng verpönt. 
Nach Beendigung der fröhlichen Wettkämpfe 
gab es in der Badeanstalt Freibier, warme 
Würstchen und Butterbrote. 
Besondere Feste waren die Tage der Kirch 
weih. Die St. Johanner Kirmes wurde am Sonn 
tag nach Johannistag in „Baldes Gärtchen“ ge 
feiert. Für einen Groschen konnte man dort 
tanzen. 
Die St. Arnualer Kirchweih fand am ersten 
oder zweiten Sonntag nach Simon Juda, 
meistens Anfang November, statt. 
Da in Saarbrücken selbst keine Kirmes statt 
fand, feierten alle Saarbrücker die Arnualer 
Kirmes mit. 
Schon am Samstagnachmittag pilgerten die 
Bürger aus der Stadt nach Osten, um den „Käs 
kuchen“ noch warm versuchen zu können. Auf 
dem Marktplatz, vor der Stiftskirche, wett 
eiferten Feuerfresser, „waschechte Sioux-In 
dianer", Albinos und ein „Haut den Lukas' 
um die Gunst des Publikums. Sehr beliebt waren 
damals auch rote Zuckerpfeifchen. 
Zur Arnualer Kirmes trugen die Frauen die 
ersten Winterhüte und eröffneten so die Winter 
saison. 
Auch die Forbacher Kirmes wui ie von den 
Saarbrückern gerne besucht. Doi; waren die 
Bonbons besser! Die Feinschmecker '/ersäumten 
nie im Hotel „Karch" Schnecken essen. Die 
jüngere Generation feierte auch die Kirmestage 
in Brebach und Fechingen. Doch nur selten 
gingen die Saarbrücker noch weiter, nach Hansel 
z. B. oder in pfälzische Orte. Wai?n sie aber 
einmal so weit auswärts, dann träumten sie 
noch lange und oft davon. 
Die Badeanstalt des alten Latte
	        
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