Full text: 1952 (0080)

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Die Situation in unfern fjeimot 
P is die Apostel den Sendungsauftrag erhielten, 
das Evangelium Jesus Christus' der Welt zu ver 
künden und sie diesen Auftrag auszuführen be 
gannen, trafen sie die Menschen der damals be 
kannten Welt in einer bestimmten politischen, kul 
turellen und religiösen Situation an. Wie war die 
Situation in unserer Saarheimat? Wann zeigten sich 
hier die ersten Anfänge des Christentums? 
Im Jahre 57 v. Chr. setzte die Eroberung des 
goldreichen Galliens durch den römischen Feldherrn 
Julius Cäsar ein. Die einheimische Bevölkerung der 
Kelten, die behn Zusammentreffen mit den Römern 
bereits auf eine mehrhundertjährige Geschichte und 
Entwicklung zurückblicken konnte, wehrte sidi tapfer, 
aber den disziplinierten und geübten Legionen Roms 
war sie nicht gewachsen. Sie unterlag. Auch auf 
flackernde Einzelaufstände konnten an der harten 
Tatsache nichts ändern. In wenigen Jahrzehnten war 
alles Land bis zum Rheinstrom unterworfen. 
Damit kam auch unser heimisches Gebiet, in dem 
die keltischen Volksstämme der Mediomatiker (mit 
der Hauptstadt Metz) und der Treverer (mit der 
Hauptstadt Trier) wohnten, unter die römische 
Hoheit, die rund 500 Jahre — bis etwa 450 n. Chr. — 
dauerte. Das ist eine lange Zeit, in der sich vieles 
ändert, denn die Zeit, d. h. die Entwicklung, stand 
auch damals nicht still. 
Die straffe römische Verwaltung teilte die er 
oberten Gebiete in neue Provinzen ein, baute die 
vorhandenen uralten Verkehrswege kunstgerecht und 
neuzeitlich, d. h. römerzeitlich, aus und erweiterte 
das Straßennetz. Auf diesem materiellen Unterbau 
erhob sich in friedlicher Durchdringung ein geistiger 
Oberbau, der sich als typische, provinzial-römische 
Mischkultur äußerte. Auf dem ausgedehnten Straßen 
netz des römischen Weltreiches, in dem die Straßen 
aller Provinzen nach Rom führten, marschierte nicht 
nur die Militärmacht Roms, sondern strömte der 
friedliche Handel von Italien und Kleinasien über 
Südgallien (Massilia = Marseille) nach den neuen 
Provinzen im Nordwesten des römischen Imperiums. 
Seit Christi Geburt wanderten unternehmungslustige 
Menschen und Kaufleute Jahrhunderte lang vom 
Mittelmeer nach dem Nordwesten. Ein steter Aus 
tausch von Menschen und Waren, Gedanken und 
Ideen, Lebens- und Weltanschauungen ging zwischen 
dem Süden und dem nordwestlichen Neuland hin und 
her, eine Tatsache, die später für die Ausbreitung 
des Christentums von größter Bedeutung wurde. 
Unternehmende Händler und Handwerker, Do- 
mänen-Verwalter, ausgediente Soldaten und Ver 
waltungsbeamte ließen sich längs der Straßen nieder, 
erbauten nach römischer Bauweise ihre Villen und 
Landhäuser aus dauerhaftem Stein, teilweise mit 
allem Komfort (Heizung und Bäder), wie Funde zu 
Baltersweiler, Furschweiler, Tholey, im Varuswalde, 
Nennig, Mettlach, Niedaltdorf, Mechern, Beckingen 
usw. künden. Das einheimische keltische Bauernvolk 
saß weiter in seinen einfachen Ständerhäusem mit 
Lehmflechtwerkwänden und Strohdächern. Es befand 
sich unter der römischen Herrschaft kaum in einer 
schlechteren Lage als zuvor unter jener seines alten 
Adels. Die römerzeitlichen Keltenfriedhöfe, wie sie 
z. B. bei La Motte — Lebach, bei Pachten und Neun- 
kirchen-Kohlhof freigelegt wurden, zeugen durch ihre 
Grabbeigaben von einer einfachen ländlichen Bevöl 
kerung, die zwar keine Reichtümer besaß, aber ihr 
auskömmliches Leben hatte. Die heimische Landwirt 
schaft verdankt den Römern manche Neuerung. Auch 
die Einführung neuer Obstsorten: Kirschen, Zwet- 
schen, Pflaumen und Walnüsse, Pfirsiche, Aprikosen 
und vor allem der Wein, erfolgte durch die Römer. 
Während am Rhein die Legionen Roms, gestützt auf 
zahlreiche Kastelle, gegen Germanien Wache hielten, 
hob sich im Binnenlande in einer langen Friedens 
periode der Wohlstand, und die römische Kultur und 
Sitten bürgerten sich mehr und mehr ein. Sie faßten 
zuerst in den alten keltischen Hauptorten Fuß: Trier, 
Köln, Metz, Reims, auch auf dem Lande, wo römische 
Villen und Anlagen waren, bildeten sich kleine 
Kristallisationspunkte. 
Mit den Römern und den Angehörigen der helle 
nistischen Welt zog auch der griechisch-römische 
Götterhimmel ein. Eine Völker- und Religionsver 
mischung schuf die beste Voraussetzung für die 
politische und religiöse Verschmelzung der Nationen 
und Kulturen, die ganz im politischen Sinne des 
römischen Weltreiches lag. Ein lehrreiches Beispiel 
für das damals hier herrschende Völkergemisch ist 
eine aus Tholey stammende Grabplatte, die ein 
Mann namens Primanius Ingenius, auch Pottus ge 
nannt, sich und seiner verstorbenen Frau Sementinis 
Gabrilla noch zu seinen Lebzeiten anfertigen ließ. 
Nach Max Müller ist dieser Händler ein freige- 
lassener Sklave asiatischer Herkunft (wahrscheinlich 
Syrier), der eine einheimische Keltin zur Frau hatte. 
Die beiden Namen sind latinisiertes Keltisch: Gabrilla 
heißt Rehlein. — Auch eine Griechin wird im Varus- 
wald erwähnt. Ihr Name „Zoe" ist auf einem 
goldenen Frauenring erhalten, der die griechische In 
schrift trägt: „Ich denke Dein. Zoe". Zweifellos 
hatten die fremden Kaufleute ihre Frauen mitgebracht. 
Wie die Menschen, so rückten auch die keltischen 
und römischen Götter einander näher und verschmol 
zen sich. Schon Cäsar gab den keltischen Gottheiten 
römische Namen, zumal die Idee der einzelnen Göt 
ter oft die gleichen waren, und römische Ansiedler 
legten ihren mitgebrachten Göttern keltische Bei 
namen zu. So wurde bei Differten (Kreis Saarlouis) 
das Bild des Gottes Merkur im keltischen Kittel 
(Sagum) gefunden. Verschiedentlich finden sich 
Göttersteine aus jener Zeit, die römische und kel 
tische Gottheiten nebeneinander zeigen. Die keltische 
Tierschutzgöttin Epona wurde von den Römern über 
nommen, und die keltische „Dreimütterverehrung" 
verschmolz mit dem römischen „Drei-Matronen-Kult“.
	        

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