Full text: 1952 (0080)

über dem Schloß steht eine riesige Feuer 
wolke und beleuchtet Saarbrücken. Jede Einzel 
heit weithin ist so genau zu erkennen, daß man 
sagen kann, das Bild sei architektonisch ge 
malt. Die alten, originalen Stengelschen Schloß 
formen sind bis auf den bereits eingestürzten 
Dachstuhl ein letztes Mal wie dokumentarisch 
festgehalten: die wohlgegliederte Dreistöckig- 
keit nämlich, die man später in gedrungeneren 
Proportionen wiederherstellte, so daß dieses 
heute stehende Schloß in Wirklichkeit nur ein 
Schatten seiner selbst ist. Die Schloßkirche 
steht in ihrer ganzen, zwei Stilen entlehnten 
Schönheit da. Uber ihr Dach lugt der Turm des 
Alten Rathauses. Alt-Saarbrücken weist unter 
seinen malerischen Dächern und im Gedränge 
seiner Häuser am Saarufer sogar ein Fachwerk 
haus auf. Das Brückentor auf der Saarbrücker 
Seite gehört auch längst der Vergangenheit an. 
Und links davon erblickt man in tagheller Be 
leuchtung noch den ganzen langgestreckten 
Trakt des 1764 von Stengel erbauten Oberamts 
gebäudes nebst angegliederten Privathäusem 
auf dem Saarkai zu Füßen des Schloßberges. 
Davon steht heute nur noch ein Fragment. Der 
dem Brückentor nächstgelegene rechte Flügel 
insbesondere fehlt. Das war das Haus des Re 
gierungspräsidenten v. Günderode, wo Goethe 
abstieg, als er 23 Jahre vor dem dargestellten 
Ereignis in Saarbrücken weilte. Der jetzige 
Goethe-Gedenkstein dort an der Schloßmauer, 
wo vordem das Haus stand, ist nur eine karge 
Erinnerung. Aber selbst aus einem Bilde, das 
die Vernichtung darstellt, lassen sich, wie man 
sieht, eine Menge Dinge rekonstruieren. 
Daß sich im Feuerschein ganz verschiedene 
Städte gegenüberliegen, zeigt der Gegensatz 
der Tore zu beiden Seiten der damals noch 
mit erkerförmigen Vorsprüngen versehenen und 
nach dem Hochwasserunglück gerade sieben 
Jahre vorher wiederaufgebauten Alten Brücke. 
Das Saarbrücker Brückentor gehört als wich 
tige Komponente und repräsentativer Abschluß 
zur ragenden Baumasse von Schloß und Schloß 
kirche, während das St. Johanner Saartor sich 
wie ein Vorhof der Bürgerstadt nach der fürst 
lichen Residenz hin öffnet. 
Erst 1764 war das Saar- oder Brückentor am 
Ende der Saarstraße in St. Johann in dieser 
Form neu errichtet worden, so daß sich ein 
unregelmäßiger siebeneckiger Platz ergab, der 
mit einer kleinen Mauer und lauter vasen 
besetzten Pfeilern darauf eingefaßt war. Zwi 
schen den Pfeilern gab es kostbare, schmiede 
eiserne Gitter. Die Pfeiler mit Vasen sind im 
Bilde noch vorhanden, die Gitter aber sind in 
diesem Sturmjahr 1793 schon geplündert. Das 
Bild ist von einem der zunächst der Brücke 
stehenden Häuser geschaut, so daß man den 
Platz und neun jener Pfeiler in halber Drauf 
sicht gerade vor sich hat. Der Maler wohnte ja 
als St Johanner Bürger aus der Brückengasse 
nicht weit davon entfernt. Eine Menschen 
ansammlung betrachtet von hier aus das grau 
sige Schauspiel. Es paßt zur übrigen Genauig 
keit, daß die Personen porträtgetreu und 
namentlich festzustellen sind. Mit anderen Ho 
noratioren ist Daniel Bruch, der Wirt vom 
,,Stiefel", sogar in seiner Nachtmütze herbei 
gelaufen. Aber nicht nur müßige Zuschauer 
sind da, sondern auf der Brücke eilt ein Trupp 
St. Johanner Bürger mit der Feuerspritze eben 
zum Löschen, mit eben derselben Spritze, die 
noch heute im Hof des Saarland-Museums steht 
und die Jahreszahl 1781 trägt. 
Natürlich wird man vor diesem Bilde nach 
Grund und Schuld beim Schloßbrand fragen. Es 
war Krieg, wenn auch von geradezu bieder- 
meierlichen Ausmaßen im Vergleich zum letz 
ten, der wiederum in einer Oktobernacht dem 
zweiten Schloßbrand verursachte. Saarbrücken 
war damals Frontgebiet, denn den Franzosen, 
die es besetzt hielten, standen die preußischen 
Truppen schon dicht vor St. Johann gegenüber. 
Wenn in dieser Situation Marodeure Feuer ans 
Schloß legten, war es sicherlich nicht im Sinne 
des französischen Kommandanten, General De- 
launay, der — allerdings erfolglos — nach den 
Brandstiftern fahndete. Wurde doch die beim 
Brand eingetretene Verwirrung von Blücher- 
schen Reitern zu einem Überfall ausgenutzt. 
Standen doch französische Munitionswagen im 
Schloßhof, die eben noch abgefahren werden 
konnten. Lagen doch mehrere hundert kranke 
und verwundete Franzosen im Südflügel des 
Schlosses und wurden erst von den löschenden 
Bürgern geborgen, während zu gleicher Zeit 
auch der Gebäudeteil gerettet werden konnte. 
Der Schloßbrand und damit das Bild liegen 
genau in der Mitte von Dryanders 40jährigem 
Malerschaffen, wenn wir es mit seiner Lehre 
beim Hofmaler Samhammer beginnen lassen. 
Vordem malte er höfisch, nachdem bürgerlich. 
Um so einleuchtender ist die Bedeutung dieses 
Bildes für ihn selbst. Ja, er malte es sogar 
zweimal. 
Aber auch der andere große und genam 
gleichaltrige Saarbrücker Maler, Kaspar Pitz, 
hat den Schloßbrand in einem Bilde festgehal 
ten, das im selben Gemäldemagazin schlum 
mert. Ob er selbst Augenzeuge war, ist zweifel 
haft. Pitz, damals Hofmaler in Zweibrücken, 
ging um diese Zeit nach Prag, wo er schon 
zwei Jahre später nicht, wie man sagte, von 
Nebenbuhlern vergiftet worden, aber an der 
Schwindsucht gestorben ist. In Zweibrücken 
sah es nicht anders aus als in Saarbrücken. 
Auch Pitz stand an einer Lebenswende. So ging 
er in Prag zu seinem Gönner Jean Baptist 
Bordier, den er 1790 als letzten Abt von Wad 
gassen gemalt hatte. Das Porträt gehört zu 
seinen besten Bildern und zugleich zum kost 
barsten Bestände des Gemäldemagazins. Es ist 
von ungewöhnlich großem Format und über
	        

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