Full text: 1952 (0080)

Sdhwarz sind alle meine Kleider 
* 
Saarbergleute paradieren zum erstenmal in ihrer Tracht 
Von Klaus Schmauch, Saarbrücken 
Kein kirchlicher und weltlicher Würdenträger 
wurde je so großartig und prunkvoll in der 
Saarbrücker Grafschaft empfangen wie Ihre 
Fürstliche Gnaden, der Erbprinz Ludwig und 
seine junge, eben angetraute Gemahlin, die 
Prinzessin Wilhelmine von Schwarzburg-Rudol- 
stadt. 
„Selbst der Himmel steht mit dem Hohen 
Paar im Bunde!“ jubelt das Volk, als der 
Wettergott am St. Barbaratag des huldreichen 
Jahres 1766 die festgefrorene Triumphstraße 
der Jungvermählten mit seiner Sonne illumi 
nierte und die eisbedeckten Wasserpfützen in 
kostbare Kristallspiegel verwandelte. 
Aber auch ohne diesen Glanz bot die neu 
erbaute Landstraße durchs Sulzbachtal einen 
erhebenden Anblick. Zu beiden Seiten bausch 
ten sich die Wappen und Fähnchen der beiden 
verbundenen Fürstenhäuser, und Ehrenbogen 
um Ehrenbogen mit Willkommenssprüchen und 
bunten Papierrosen geschmückt, wölbten sich in 
den frostklaren Tag. 
Fürst Wilhelm Heinrich, der prunkliebende 
Landesherr, wußte was er einer Erbin, die drei 
hunderttausend bare Gulden als Brautschatz 
mitführte, schuldig war und war ihr schon vor 
drei Tagen mit allen Damen und Kavalieren 
des Hofes und den Offizieren der Garnison zu 
Wagen und Roß entgegengeeilt. Und heute 
hielt das Hochfürstliche Paar seinen Einzug in 
die Landeshauptstadt. 
Daß es sich schon unterwegs befand, ver 
kündeten die jubelnden Glocken und die nicht- 
abreißenden Donnerschläge der Böller, und jetzt 
fegten zwei schärpengeschmückte Bauein 
burschen auf ihren hängebäuchigen Gäulen 
durch „Duttweiler" und verkündeten schrillen 
Halses, das Nahen der hohen Herrschaften. 
„Endlich!" Der Stoßseufzer drang aus der 
etwas beklommenen Männerbrust des Berg 
inspektors Engelke, der schon über drei Stun 
den mit fünfzig Knappen und „allen Bergvor- 
stehern" der Grafschaft auf diese Nachricht 
wartete und sich geschworen hatte, heute „den 
Vogel“ abzuschießen. 
Sapperlot, wie hatte er seine Bergleute in 
Wichs geworfen! Da war alles nagelneu, vom 
Fuß bis zum Scheitel, und die Schneider weit 
und breit stichelten und nähten Tag und Nacht, 
um die neuen Berguniformen, die ersten an 
der Saar, noch beizeiten zu vollenden. 
Geschnitten aus schwarzem Tuch und mit 
Samtaufschlägen und Fransen von der gleichen 
Farbe geziert, saßen sie den in Reih und Glied 
harrenden Knappen wie angegossen. Die Sonne 
spiegelte sich eitel in den schwarzgelackten 
Schirmen der Samtmütze und in den gekreuzten 
Hämmern auf den Achselstücken. Nicht minder 
ergötzte sie sich an den neuen, rotledernen 
Schurzfellen und übersah nicht die buntseidene 
Bruderschaftsfahne, die blauweißen Schärpen 
ihrer Träger und den „jüngsten Schlepper", der 
ein rotsamtnes Kissen mit einem kunstvoll ge 
triebenen Fäustel, das Hochzeitsgeschenk der 
Knappen, in den Händen hielt. 
„Habt acht!" Die „Katzenköpfe" auf der 
„Flitsch" und über der Hirschbach, 35 groß 
mäulige Mörser spien Donner und Feuer. Der 
Herr Berginspektor im goldbestickten Atlasrock 
und der Bergkassierer und die Schichtmeister in 
silberdurchwirkten Uniformen pflanzten sich 
vor der Knappenreihe auf. Dann stießen die 
Bläser in ihr Horn, daß der aus stahlblauen 
Kohlen und glitzernden Quarzstücken errichtete 
Triumphbogen — er versinnbildlichte den Ein 
gang eines Grubenstollens — erbebte. 
Drauf erklangen Vivat- und Hochrufe, und 
der Landesfürst, das Brautpaar, die lächelnden 
Hofdamen und die vornehmen Kavaliere nick 
ten und winkten den Knappen wohlgefällig zu 
und bewunderten die schmucke, bis dahin un 
bekannte Tracht der neugebildeten Kohlen 
gräberzunft. 
„Das hat er glänzend arrangiert“, lobte Wil 
helm Heinrich seinen rührigen Inspektor, und 
die thüringische Prinzessin freute sich sichtlich 
über das unerwartete Knappengeschenk. 
Am Abend aber zogen die Bergleute mit 
brennenden Grubenlampen und tönender Mu 
sik durch die festlich beleuchtete Residenz und 
beschlossen den ehrenreichen Tag mit einem 
Ständchen vor dem fürstlichen Schloß. 
„... Schwarz und schwarz sind alle meine 
[Kleider, 
Schwarz und schwarz liebt jeder Mann 
Darum lieb’ ich alles, was schwarz ist. 
Weil mein Schatz ein Bergmann ist." 
M NEUFANG GOLDHALS
	        

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